Ein Grübler verpasst sein Leben

Kürzlich habe ich in einem Interview gelesen, ein Buch, das nicht schon auf der ersten Seite mit einem Dialog aufwarte, könne man gleich zur Seite legen. Solche als Gewissheiten daherkommenden Sätze machen mich misstrauisch. Nach der Lektüre von Dag Solstads T. Singer bin ich nun ganz sicher: Dieser Ratschlag taugt nichts. Denn gibt es nichts Schöneres als einen Roman zu lesen, dessen Handlung und schriftstellerische Umsetzung eine in sich geschlossene Einheit bilden? 

Genau das ist Dag Solstad mit T. Singer gelungen. Auf Dialoge verzichtet der Roman beinahe vollständig. Es kommen genau zwei Gespräche im gesamten Buch vor: Das eine ist ein Selbstgespräch der Hauptfigur T. Singer (der Vornamen erfährt der Leser nicht) mit einem imaginären Freund; das zweite findet mit einer Zufallsbegegnung statt und ist weniger ein Dialog, als ein Monolog über das Billige und das Glück.

Doch ich sehe schon, langsam wird es Zeit, etwas über den Inhalt der Geschichte zu erzählen: T. Singer ist ein rückgratloser Grübler und einer, der ständig als Beobachter neben sich steht. Er ist „ein identitätsloser Lebensverleugner, ein ganz und gar negativer Geist … ein unpraktischer Vagabund auf der Landstrasse des Lebens. Er ist umgänglich, doch hat er keine Ziele, es sei denn, keinesfalls in peinliche Situationen zu geraten und nirgends aufzufallen. Er zieht als Bibliothekar nach Notodden, heiratet dort Merete, die eine kleine Tochter in die Ehe bringt. Doch dann verunfallt Merete; Singer sieht sich einer Herausforderung ausgesetzt, denn seine Stieftochter begegnet ihm mit einer Indifferenz, die seine eigene zurückwirft. 

Der Roman beginnt mit einer seitenlangen Einführung über Singers über alle Massen grosse Schamhaftigkeit. Der Autor dreht dieses Problem Singers so lange, dass man sich alsbald in einem Spiegelkabinett fühlt und einem leicht schwindelig wird. Jedoch genau mit dieser Darstellungsweise führt Solstad den Leser in die Denkweise Singers ein. Wer es denn nun genau ist, der Singer und sein Problem beobachtet und beschreibt, wird vorerst nicht klar: der Autor oder eventuell Singer selbst, der selbst einmal von sich als Schriftsteller tagträumte? Ein Aussenstehender?

T. Singer ist als Figur so bedeutungslos, so „inkognito“, dass sich selbst der Autor scherzhaft selber wundert, wie er es zu einer Hauptfigur in einem Roman geschafft hat. Doch gerade in Singers Kleinheit erkennen wir uns selbst. Und so wie Singers Tage dahinschwinden, ohne dass er wüsste wohin, noch ob er sie vermissen sollte, so ergeht es wohl zeitweise den meisten von uns.

Titel: T. Singer, Roman, 284 Seiten, gebunden

Autorin: Dag Solstad

Deutsche Erstübersetzung. Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger

Verlag: Dörlemann-Verlag, 2019, http://www.doerlemann.com

ISBN 978-3-03820-065-9, Euro 22.–/ Fr. 30.–

Kurzbeschrieb: Die Geschichte eines Mannes namens Singer, der sich in seinem Leben mittels Selbstbeobachtung, Selbstwahrnehmung, Selbstkontrolle selber schachmatt setzt, unterlegt mit leisem Spott.

Für wen: Für Grübler aller Arten.

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Wenn einen beim Backen das heidelbeerblaue Glück überwältigt


Schön gestaltete Bücher lösen in mir eine närrische Freude aus. Und jetzt liegt vor mir ein Kochbuch, das mich geradezu in Verzückung bringt. Immer wieder löse ich den Schutzumschlag und staune über die schönen Fotos, die den Einband und selbst das Innere des Schutzumschlags zieren. Wo auf das Äussere eines Buches so viel Wert gelegt wird, kann der Inhalt eigentlich nur grossartig sein.

Das Buch heisst Apfelduft & Heidelbeerblau. Die Text- und Rezeptautorin ist die schwedische Konditorin My Feldt. Die filigranen Zeichnungen mit Naturthemen, die locker über die Seiten gestreut sind, stammen von My Feldt, ebenso die Texte, welche die Rezeptsammlung thematisch verbinden. Es ist ein kulinarischer Spaziergang durch das Jahr in Schweden, sinnlich, sensibel, voller Erinnerungen an Waldspaziergänge, Küchendüfte, Kindheitserlebnisse, Menschen. Linda Lomelino, selber Rezeptautorin und erfolgreiche Bloggerin, liefert die Fotos zum Buch. Das Duo Feldt/Lomelino hat damit nicht nur eine Sammlung köstlicher schwedischer Backrezepte geschaffen, sondern ein Gesamtkunstwerk, das man eigentlich nur mit dem Wort wunderbar beschreiben kann.

My Feldt gehört in Schweden zu den bekannten Konditorinnen/Köchinnen. Sie betreibt in Halmstad eine Bäckerei mit Café, wurde mit dem schwedischen Gastronomiepreis ausgezeichnet und hat ihre eigene Fernsehshow. In ihrem Buch Apfelduft & Heidelbeerblau hat sie vor allem Backrezepte zusammengetragen, aber es finden sich gleichfalls Anleitungen für Aufstriche, Säfte, Drops, Sorbets und Sirupe. 

Wenn My Feldt durch die Wiesen und Wälder ihrer Heimat streift, kommt sie gerne mit einem Kratten voll Beeren, Blumen, Früchten nach Hause. Im Frühling fabriziert sie Fliedersirup, im Sommer Himbeercrumble, im Herbst Apfel-Mandel-Kuchen mit Zimt und im Winter, wenn draussen Stille eingekehrt ist und die Erntesaison vorbei ist, karamelisiert sie Nüsse. Eine Versuchung für alle Backlustigen dürften die diversen Rezepte für Schnecken sein: Heidelbeer-, Mohn-Vanille-, Zimt- oder Vanille-Apfelschnecken, beim Anblick solcher Köstlichkeiten läuft einem das Wasser im Munde zusammen. Die Rezepte verlangen jedoch etwas Geduld, denn My Feldt stellt vom Apfelmus bis zur Vanillecreme alles selber her. Im übrigen ist Feldts Vanillecreme eine Wucht, die Versuchung ist gross, die Finger hineinzutauchen und sie einfach so zu schlecken.

Vor allem angetan hat es mir der Abschnitt „Wenn der Wahnsinn im Heidelbeerdickicht die Vernunft besiegt“. Diese Art Wahnsinn ist mir wohlbekannt. Wie herrlich, inmitten von Beerenstauden zu sitzen, den Geräuschen des Waldes zu lauschen, den Stimmen der Kinder, währenddessen sich die mitgebrachten Eimer füllen, die Finger blau werden und irgendwann der Rücken zu reklamieren beginnt. Und was für ein tolles Gefühl, im Winter eine Schale der Beeren aus dem Gefrierschrank zu nehmen und eines von Feldts Heidelbeerrezepten auszuprobieren. Vom Heidelbeercrumble (Himbeeren lassen sich gut durch Heidelbeeren ersetzen) samt Vanillecreme bleiben bestimmt keine Resten übrig.

Titel: Apfelduft & Heidelbeerblau, Backen mit Früchten, Beeren, Blüten, 278 Seiten

Autorin: My Feldt, mit Fotos von Linda Lomelino

Verlag: at-verlag Aarau, 2019, www.at-verlag.ch

ISBN 978-3-03800-536-0, Fr. 36,90/Euro 29,00 

Kurzbewertung: Ein Buch, das sich in jeder Kochbuchsammlung ausnehmend gut macht und in welchem man allein seiner Gestaltung wegen gerne blättert. 

Für wen: Auf jeden Fall ein phantastisches Geschenk für alle, die gerne backen. Man darf es sich auch selber schenken.

„…sie flickend mer d Hose mit Härdöpfelhüüt“ **

Ich mag leicht schräge Kochbücher. So habe ich mal eines über spanische Vorspeisen gekauft. Es war illustriert mit „leergefressenen“ Tellern. Die Idee fand ich originell, wenn auch die dargestellten Speisereste mehr abschreckend als appetitanregend daherkamen. Die Rezepte aus diesem Buch entpuppten sich leider als Reinfall. Diese Erfahrung hält mich aber nicht davon ab, weiterhin nach ungewöhnlicher Kochliteratur Ausschau zu halten. 

Momentan liegt ein Buch auf meinem Tisch, das in Sachen „ungewöhnlich“ einiges verspricht. Beim at-verlag erschien dieser Tage Clever kochen Null Abfall von den Autorinnen Giovanna Torrico und Amelia Wasiliev. Und was zeigt das Cover? Ausgepresste Orangen, die leeren Hülsen von Bohnen, Bananenschalen, eine abgeschabte Lachshaut! 

Die Verschwendung von Lebensmitteln ist derzeit in aller Munde. Teuer produzierte Lebensmittel werden untergepflügt, ans Vieh verfüttert oder landen im Eimer. Wir sind im Überfluss gross geworden und haben offenbar nie mitbekommen, mit welcher Ehrfucht unsere Grossmütter und Mütter mit Speisen umgingen. „Brot ist nicht hart, kein Brot, das ist hart“, sagt meine Schwiegermutter. Sie hat noch Kriegsjahre erlebt.

Ich selber pflege schon immer einen behutsamen Umgang mit Lebensmitteln. Von daher fühle ich mich nicht angesprochen, wenn von Foodwaste die Rede ist. Ich verschwende nichts; was bei mir an Lebensmitteln unverwertet bleibt, ist nicht der Rede wert. Hartes Brot wird bei mir zu Knödeln und Bröseln verarbeitet oder zu einer Suppeneinlage. Aus Eiweiss entstehen hochbegehrte Meringues; Gemüse-, Fleisch- und Kräuterreste verwandeln sich in Bouillon usw. Doch wenn ich an die Bananen- oder Orangenschale vom Buchcover Clever kochen null Abfall denke: Von diesen wäre mir noch nie in den Sinn gekommen, dass ich sie weiterverwerten könnte, ebensowenig wie die Stiele von Erdbeeren. Vielleicht kann ich ja doch noch etwas von Giovanna Torrico lernen. 

Tatsächlich verspricht sie einiges an Köstlichkeiten aus Sachen, die selbst bei einem Verbraucherfuchs wie mir auf dem Kompost landen: Radieschen- und Karottengrün, Randenblätter, selbst die Haut von Tomaten werden verarbeitet, erstere in einer Frittata oder als Relish, letztere gedörrt und gemahlen als Würze. Überhaupt wird bei Torrico einiges getrocknet und kommt als Würzmittel zum Einsatz, etwa die Schalen von Zitrusfrüchten, die Kerne und Schalen von Kürbis und Melone. Die gewonnenen Pulver oder Flocken sind breit einsetzbar, mal für Süsses, mal für salzige Gerichte.

Nun ist es in einem gewöhnlichen Haushalt nicht üblich, dass grosse Mengen an Fleischresten oder Rüstabfällen anfallen, so dass es sich lohnen würde, diese weiterzuverwerten. Giovanna Torrico hat aber Ratschläge auf Lager, wie trotzdem daraus Brühen, Suppe, Chips und Dips werden.

Etwas Mühe habe ich dann aber doch beim einen oder anderen Punkt. Kartoffelschalen zu verarbeiten beispielsweise. Kartoffeln sind Nachtschattengewächse und werden nicht ohne Grund geschält: Unter der Kartoffelhaut befindet sich giftiges Solanin, besonders aber in den Augen, den grünen Stellen und Keimen. Speisen aus Kartoffelhäuten würde ich aus diesem Grunde keine herstellen. Bei aller Sparsamkeit. Da würde ich es eher machen wie in einem Schweizer Volkslied, wo die Eltern die Hosen ihrer Kinder mit „Härdöpfelhüüt“ flicken. 

Eine Warnung möchte ich gleichermassen vor überreifen Beeren oder Avocados aussprechen, die im Buch verarbeitet werden. Was hinüber ist, ist hinüber. Das schmeckt dann auch nicht und ist womöglich – und im Falle der Beeren höchstwahrscheinlich – bereits schimmelig. Die Autorinnen rechnen hier wohl mit dem gesunden Menschenverstand ihrer LeserInnen. Da der aber nicht durchgängig vorausgesetzt werden kann, hätte eine Pilzwarnung nicht schaden können.

Und was das Sammeln von gebrauchten Teebeuteln anbelangt, um daraus erneut Tee herzustellen: Ganz ehrlich, da graust es mich. Wenn schon beim Tee gespart werden muss, dann würde ich getrocknete Apfelschalen etc. dafür verwenden. Einmalaufguss bitteschön!

Dritter und wichtigster Punkt meiner Kritik: Wer das Verarbeiten von Gemüse- und Früchteschalen propagiert, kann gar nicht oft genug betonen, dass es sich dabei immer um Produkte aus Bio-Produktion handeln sollte. Die Autorinnen empfehlen dies zwar, ich würde daraus ein Muss machen. 

Folgendes Fazit: Das Buch dient sicher als Augenöffner. Wer bisher schon einen sorgsamen Umgang mit Lebensmitteln pflegte, kann trotzdem noch den einen oder anderen Ratschlag mitnehmen und Rezepte ausprobieren. Wichtige Aussage: die meisten Abfälle und Reste, die in der Küche anfallen, sind zu schade zum Wegwerfen. Ein Versuch lohnt sich. Ich werde es sicher bald einmal mit einem selbstgemachten Apfelessig aus Apfelschalen und -kerngehäusen probieren.

Titel: Clever kochen null Abfall, 100 Rezepte für eine Küche ohne Verschwendung, 256 Seiten

Autorin: Giovanna Torrico und Amelia Wasiliev

Verlag: at-verlag, www.at-verlag.ch

ISBN 978-3-03800-047-1, Euro 20,00/Fr. 24,90

Kurzbewertung: Speisereste und Rüstabfall gelungen verwerten, Vorräte anlegen, Würze und Essig selber machen, Bouillon herstelle, altbackenes Brot nicht den Schwänen verfüttern, denen es sowieso nur schadet, und bei alldem die Umwelt und den Geldbeutel schonen. In diesem Buch sind viele Tipps und 100 Rezepte dazu versammelt. Frisch und unverkrampft gestaltetes Buch.

Für wen: Für bewusste Köchinnnen und Köche, die sich mit dem Thema Foodwaste beschäftigen und etwas dagegen tun wollen. Für alle, die glauben, dass uns harte Zeiten bevorstehen und jene, die sich gerne darauf vorbereiten wollen.

** Aus einem Schweizer Volkslied: „…Sie flicken mir die Hosen mit Kartoffelhäuten.“

Schweigen und Lieben auf Finnisch

Literatur aus dem nördlichen Europa ist seit längerem im Gespräch. (Und ich spreche hier nicht über das allgegenwärtige Genre Krimi.) Zu entdecken ist Bemerkenswertes: dichte Storys voller starker Charaktere, eingebettet in menschenarme Landschaften, in denen nicht nur die Jahreszeiten, sondern vielmehr die Wechsel der politischen, religiösen und sozialen Machtgefüge während des letzten Jahrhunderts eine Rolle spielen.

Heute widme ich mich zwei Romanen aus Finnland. Lempi, das heisst Liebe von Minna Rytisalo und Wege, die sich kreuzen von Tommy Kinnunen. Beide Romane spielen auf dem finnischen Lande, bei beiden nimmt der Krieg eine wichtige Rolle ein; die harten Kriegszeiten beeinflussen zu einem beachtlichen Teil die Handlung der Figuren. Wichtiges Element in beiden Büchern ist gleichfalls die karge Landschaft. Beiden Geschichten eigen ist auch die Stille zwischen den Handelnden. Sie schweigen und tun, was ihrer Meinung nach getan werden muss. Nur: Was „getan werden muss“ ist nicht immer schön und schon gar nicht gut.

Lempi, das heisst Liebe

Lempi ist der Name der Hauptfigur im Romanerstling von Minna Rytisalo. Sie verführt ab der ersten Seite mit einer poetisch-kraftvollen Sprache, einer berührenden Liebesgeschichte, einem gelungenen Buchaufbau mitsamt überraschenden Wendungen. Von einem Roman kann man kaum mehr erwarten. Ein umwerfendes Stück Literatur.

Minna Rytisalo erzählt aus drei Perspektiven. Zu Wort kommt der blutjunge finnische Bauer Viljami, der sich in die kecke Lempi verliebt und sie kurzerhand heiratet. Kurz nach der Hochzeit wird er eingezogen. (Finnland hat sich im Zweiten Weltkrieg gegen die Sowjetunion aufgerieben. Die Waffenfreundschaft mit Deutschland wird beendet. Die Deutschen rächen sich, indem sie die Dörfer auf ihrem Rückzug in Schutt und Asche legen.)

Die zweite Erzählstimme gehört Elli. Die Magd auf Viljamis Hof hat zwei Gesichter: Mal ist sie sanft und fürsorglich, doch ist sie auch hart mit sich und anderen. Für sie ist Lempi eine verwöhnte Schmarotzerin. Elli fasst einen Plan, den sie stumpf und hartnäckig verfolgt.

Sisko wiederum ist Lempis Zwillingsschwester. Sie kommt nach dem Krieg als ehemalige Freundin eines Wehrmachtsoffiziers als „Verräterin“ nach Finnland zurück auf der Suche nach ihrer Schwester. Für sie war Lempi immer das grosse Vorbild. 

Lempi selber kommt nicht zu Wort, sie ist und bleibt eine schattenhafte Erscheinung, von der wir manchmal das Gefühl haben, sie werde plastischer, indem wir den Berichten jener drei Personen zuhören, die sie am meisten geliebt und gehasst haben. Doch ganz sicher können wir uns des Bildes nicht sein, das wir uns am Ende von Lempi gemacht haben.

Rytisalos Erzählweise trägt mich vom ersten Augenblick fort. Es ist eine klare Sprache, und eine, die gerade mittels ihrer schnörkellosen Klarheit tief in die Gefühlswelt der Protagonisten schauen lässt und viel über Finnland und den Willen seiner Bevölkerung erzählt, selbst bei harten Bedingungen ihr Leben zu meistern. Gefühle macht hier jeder mit sich selber aus. Dennoch: Wenn Viljami leidet, so leide ich mit. Selbst bei Ellis Kaltherzigkeit ergreift mich nicht nur ein Schauder, sondern auch Mitgefühl. Und hätte nicht auch ich blind in eine Liebesgeschichte stolpern können wie Sisko?

Titel: Lempi, das heisst Liebe, Roman, gebunden, 222 Seiten

Autorin: Minna Rytisalo, aus dem Finnischen von Elina Kritzokat

Verlag: Hanser, ISBN 978-3-446-26004-7 

Fr. 24.90/Euro 21.00

Kurzbeschrieb: Viljami kommt aus dem Krieg zurück auf seinen Hof. Doch seine Frau Lempi ist nicht mehr da – die Magd Elli führt den Betrieb und die Kinder nennen sie bereits Mama. Wo ist Lempi oder vielmehr: Wer war Lempi?

Für wen: Alle, die beim Lesen gerne ein wenig dahinschmelzen. Alle, die ein gutes Buch vor der letzten Seite einfach nicht weglegen können. Alle, die kraftvolle, poetische Sprache lieben. Demnach: für alle.

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Wege, die sich kreuzen

Das Leben in einer ländlichen und abgelegenen Gegend Finnlands ist nicht einfach. Zwei Weltkriege ziehen über das Land; an der Kreuzung, an der die taffe Hebamme Maria ihr Haus gebaut hat, wechseln sich die Machthaber ab. Marias Leben und jenes ihrer Tochter Lahja ist von den äusseren Gegebenheiten geprägt. Doch auch im Inneren der familiären Gemeinschaft finden Zerreissproben statt. Gesprochen darüber wird wenig, doch das wenige, was gesagt wird, trifft. Meist mitten ins Herz. Die Frauen haben gelernt, stark zu sein, Maria aus Überzeugung, Lahja, weil ihre Mutter es von ihr verlangt und ihr Mann Onni nicht alle ihre Wünsche erfüllen kann. 

Die Hebamme Maria möchte vor allem unabhängig sein. Dafür opfert sie die Liebe zu einem Mann. Im Gegenzug bindet sie ihre Tochter Lahja an sich. Lahja wird Photographin und heiratet schliesslich den verständnisvollen Onni. Doch die Beziehung zeigt bald Brüche, denn Onni ist nicht der, der er vor sich und den anderen gerne sein möchte. 

Tommy Kinnunen entwirft eine Familiengeschichte voller Tragik, die sich über das ganze 20igste Jahrhundert hinzieht. Die Figuren in diesem Drama kämpfen mit- und gegeneinander, hauptsächlich indem sie sich ausschweigen. Dennoch spricht jede ihrer Handlungen Bände. Es geht um Betrug, den an den anderen und jenem an sich selbst. Briefe sind in diesem Roman wiederkehrendes Element und Schlüssel zum Verständnis der Story.

Kinnunens erzählt von den kleinen, alltäglichen Handlungen seiner Protagonisten. Sie erklären dem Leser, wie die Figuren denken. Wenn Kinnunen beispielsweise beschreibt, wie Onni das Dach seines Hauses zimmert, so hören wir den Klang seiner Hammerschläge und wissen, wie schlecht er sich fühlt. Da nagelt ein Getriebener. Wenn wir lesen, wie Karinna, Lahjas Schwiegertochter, ihre scheinbar gefühlskalte Schwiegermutter wäscht, verstehen wir, was Duldsamkeit bedeutet und Bitternis bewirken kann. 

Wege, die sich kreuzen sollte unbedingt zweimal gelesen werden. Das ist bedeutend einfacher, als ständig im Buch vor- und zurückzublättern. Der Autor hat einen recht komplizierten Aufbau gewählt. Zwar folgen wir den Erlebniswelten der Figuren einzeln, doch laufen diese Erzählspuren zeitlich nicht parallel und vieles bleibt offen und der Phantasie des Lesenden überlassen.

Titel: Wege, die sich kreuzen, Roman, 336 Seiten

Autor: Tommy Kinnunen

Verlag: DVA, ISBN 9783421047717

Kurzfassung: Die Hebamme Maria baut das grösste Haus im Dorf. Dort lebt sie mit ihrer Tochter Lahja. Nach dem Krieg ist das Haus niedergebrannt und Lahjas Mann Onni baut es wieder auf: für Lahja, die drei Kinder und für Maria. Noch immer ist das Haus das grösste, doch das Glück will nicht darin einziehen. Jahrzehnte später ist Lahja alt und verbittert. Erst nach ihrem Tod entdeckt Schwiegertochter Karinna, was der Grund für den tiefen Groll ihrer Schwiegermutter war.

Für wen: Ein wunderbares Buch für Freunde von tragischen Familienepen und Geschichte.

Sexualität als täglicher Alptraum

Von Handlesereien und Wahrsagekünsten halte ich nicht gerade viel. Ebenso geht es Nora, der Hauptfigur des Romans von Artur Kilian Vogel: Uranus in der Jungfrau. Mit dem kleinen Unterschied, dass Nora während ihres Kuba-Urlaubs trotz aller Skepsis bei Ärztin und Seherin Elena sitzt um zu erfahren, weshalb es in ihrem Leben nicht rund läuft. 

Nora ist eine kluge Frau, lebt sicher und gut situiert mit ihrem Ehemann Richard und der Tochter in der Schweiz; von aussen betrachtet, könnte sie eigentlich zufrieden sein. Doch Nora wird von körperlicher Abneigung, allerhand Zwängen, Alpträumen und Flashbacks gequält. 

Noras Ehe mit Richard ging keine stürmische Liebe voraus. Sie funktioniert dennoch, weil Mathematiker Richard rücksichtsvoll bis gleichgültig ist oder auf seinem Fahrrad durch die Gegend strampelt. Nora wiederum spielt verbissen Tennis mit ihrer Jugendfreundin, liest viel, analysiert ironisch ihre Mitmenschen sowie sich selbst oder putzt sich blindwütig durchs Haus. Sie kennt ihre Knackse und weiss, woher sie kommen. Sie trägt sie schon ein ganzes Leben lang mit sich.

Doch nun sitzt sie in Elenas Praxis. Über ihre Probleme hat Nora niemals gesprochen. Doch hier in diesem fremden Land, bei dieser ihr fremden Frau öffnet sie sich ein erstes Mal. Und fragt sich zum wiederholten Mal: Bin ich Opfer oder Täterin?

Elenas Diagnose lautet: „Uranus in der Jungfrau“. Das klingt zwar interessant, sagt mir und anderen Astrologie-Unbewanderten aber nichts. Auch Nora braucht ein paar Therapie-Gespräche mit Elena, bis sich bei ihr der eine oder andere Knopf öffnet. Dass diese Gespräche dann ausgerechnet in einer Sexszene zwischen Elena und Nora münden, stösst mir unangenehm auf. Musste das wirklich sein? Da geht eine Frau mit ihren sexuellen Nöten, die einen brutalen Ursprung haben, zu einer anderen Frau, die nachvollziehen kann, was Nora durchmacht, und dann landen beide auf der Couch, kneifen sich in die Nippel und finden das toll? Wie war das jetzt noch mit Therapeuten und ihren Patienten? Sollten sich erstere nicht von letzteren körperlich fernhalten zwecks Vermeidung neuer seelischer Nöte? 

Nun gut: In Büchern fällt die Liebe halt nicht, wie es im Verhaltenskodex von Therapeuten steht. Trotzdem bin ich mit diesem kurzen, aber wichtigen Buch-Abschnitt noch nicht fertig:

Ich habe nichts gegen Sexszenen in Büchern. Diese hier war ein netter Versuch, soll heissen, banal. Wenn ich lese „Ein Kribbeln lief über meine Hautoberfläche; wie leichte Stromstösse oder kleine Nadelstiche …“ worauf sich alles in einer heiss-flutenden Welle ergiesst, dann wäre mir lieber, der Autor hätte eine andere Erleuchtungsszene für Nora gefunden. 

Immerhin möchte Nora am Ende des Buches ein Gespräch mit ihrem Ehemann Richard führen. Der wird Augen und Ohren machen und dürfte danach genügend Stoff für seine Schriftstellerei haben!

Wie auch immer. Uranus in der Jungfrau ist ein solide geschriebener und spannend aufgebauter Roman über Missbrauch an Kindern und seine Folgen. Ein Roman, der Verständnis für die Opfer bringen könnte, beleuchtet er doch eingehend ihr jahrzehntelanges Schweigen, ihre Selbstzweifel und inneren Kämpfe und Krämpfe.

Titel: Uranus in der Jungfrau, Roman, gebunden, 189 Seiten

Autor: Artur Kilian Vogel

Verlag: Salis, http://www.salisverlag.com, ISBN 978-3-906195-74-2 

Fr. 26.40/Euro 24.00

Kurzbeschrieb: Sexualität aus der Sicht einer Frau, die einiges an brutalen Erfahrungen und ein entsprechend übles Männerbild mit in ihre Ehe bringt. Eine Kuba-Reise, der Wille ihres Mannes, etwas Grundsätzliches in seinem Leben zu verändern, und der Kontakt zu der Kubanerin Elena bringen die Mauern, die sich Nora aufgebaut hat, ins Wanken.

Für wen: Es fällt mir schwer, jemandem ein Buch über sexuellen Missbrauch und seine Folgen zu empfehlen. Meine Erfahrung damit: Ich weiss nach der Lektüre mehr über das Schwanken eines Opfers zwischen Selbstvorwürfen, Opferhaltung, Selbstmordgedanken, Rachegelüsten, Ausweichstrategien und schierer Verzweiflung. 

Wettbewerb: Nur noch wenige Tage

Nur noch wenige Tage bis zum Einsendeschluss für meinen kleinen Wettbewerb, bei dem es 5 Poesie-Agenden für das kommende Jahr zu gewinnen gibt. Für zauberhafte „Atempause-Momente“, wie der dichtende Kollege Jan-Eine Hornauer kürzlich schrieb.

Ihr braucht keine aberwitzigen Fragen zu beantworten. Es genügt eine E-Mail an mich, jolanda.faeh@gmx.ch. In dieser Mail sollte allerdings Eure Postanschrift stehen, damit ich Euch die Agenden im Falle eines Gewinnes auch zusenden kann.

Ihr dürft mich selbstverständlich auch nett grüssen oder etwas zu meinem Literaturblog sagen. Das hat aber weiter keine Auswirkungen auf die Auslosung. 

Also los: Schreibt mir bis 20. Dezember und Ihr seid mit dabei. 

Sophie weiss was sie will und kann

Umriss der Stille nennt sich die Romanbiographie von Margret Greiner im Untertitel.

Die Autorin nähert sich in diesem Buch einer Frau an, deren Namen nachklingt, deren Konterfei wir lange im Portemonnaie als 50er-Note mit uns trugen, deren Leben jedoch tatsächlich in einem Kreis von selbst geschaffener Stille stattgefunden zu haben scheint. Sophie Taeuber-Arp, so talentiert sie auf verschiedenen Gebieten war, so zurückhaltend scheint sie als Person gewesen zu sein. Keineswegs scheu, eher fokussiert und geradeheraus, so wie jemand, der weiss, wo es sich lohnt Energie hineinzustecken. Ich würde sie nach der Lektüre dieses Buches als Schafferin beschreiben, unverstellt für neue Strömungen, immer dabei, wenn es um die Zusammenarbeit mit anderen Künstlern ging, allen voran mit ihrem Ehemann Jean Arp.

Inwieweit eine Romanbiographie dem echten Menschen gerecht wird, diese Frage stellt sich natürlich. Margret Greiner hat für dieses Buch Briefe und Originalwerke gesichtet und sich auch in eine Ladung Sekundärliteratur vertieft. Letztlich ist eine vorsichtige Umrundung entstanden, die in sich stimmig ist. Sophie Taeuber-Arp erscheint uns als ernst und lebensbejahend, konsequent und mutig in der Haltung und in ihrer Arbeit, verständnisvoll, grosszügig, sanftmütig, auch nachgiebig, wenn es um ihre Beziehung zu Jean Arp geht, immer wieder bereit für Neues und hin und wieder ganz schön aufgebracht.

Sophie wuchs in der Ostschweiz auf dem Lande auf. Da hat man für Eitelkeiten wenig übrig. Die Umgebung ihrer Kindeheit dürfte sie ebenso geerdet haben, wie ihr familiäres Umfeld und der frühe Verlust der Eltern. Herausforderungen waren da, gemeistert zu werden. Talente galt es zu fördern und auszuloten.

Nach Studienzeiten in St.Gallen, München kam die junge Sophie nach Zürich, begegnete Arp und seinen Freunden, fühlte sich im Kreise der Dadaisten und Konstruktivisten zu Hause. Sophie stickte, malte, formte, tanzte, gestaltete und bestritt ihr Leben – und grossteils auch das ihres Ehemannes. Kreis, Dreieck, Viereck: Damit liess sich einiges anstellen. Eigentlich alles.

Die Apps bewegten sich an den Hotspots der damaligen Zeit: München, Wien, Zürich, Paris. Die Namen jender Menschen, zu denen sie Kontakt und Freundschaften pflegten, klingt wie das Who is who dieses neuen Jahrhunderts, das ungeheuerliche Neuerungen versprach und Umwälzungen brachte: Wassiliy Kandinsky, Peggy Guggenheim, Max Bill, Paul Éluard, Hugo Ball.

Es war so viel im Gange in jenen Jahrzehnten vor und nach dem Ersten Weltkrieg. Frauen traten aus dem Schatten der Männer, so sie sich denn getrauten und unverbrüchlich an sich glaubten. Sophie Taeuber war eine von ihnen und allein das macht sie zu einem Vorbild.

Titel: Sophie Taeuber-Arp, Der Umriss der Stille, Romanbiographie, gebunden, 240 Seiten

Autorin: Margret Greiner

Verlag: Zytglogge, 2018, ISBN 978-3-7296-5002-2, Fr. 32.–/Euro 29.­

Kurzbewertung: Informative und locker zu lesende Romanbiographie einer grossen Künstlerin, Mitbegründerin der Dada-Bewegung, Malerin, Tänzerin, Kunsthandwerkerin, Professorin, Innenarchitektin etc., ergänzt durch einige Fotos

Für wen: Das müsste eigentlich alle interessieren: Eine Frau, noch dazu Schweizerin, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts unbeirrt ihren Weg geht und als Künstlerin international Erfolge feiert und so ganz nebenher gleichwertige Partnerin ihres ebenfalls künstlerisch tätigen Ehemanns ist.