Prinzen und Prinzessinnen: Ran an die Torte!

Vor mir liegen zwei Kochbücher: Das Prinzessinnen-Backbuch von Katharina Felbermeir und das zweite Kochbuch aus dem at-Verlag von „Prinz Claudio“ (Claudio del Principe) unter dem Titel al forno (siehe auch meinen blog-Beitrag “Feinschmöckereien“ vom 1. Juli 2018).

Al forno steht unter dem Motto “Alles aus dem Ofen, unkompliziert, überraschend, unwiderstehlich gut“. Der leidenschaftliche Küchenprinz aus Basel hat Backofen-Rezepte für Snacks, Vorspeisen, Gemüse-, Fleisch- und Fischgerichte sowie Backwaren in seinem neuen Werk versammelt, manches davon ungewöhnlich, anderes gerade in seiner Einfachheit etwas Besonderes. Del Principe schaut gerne über den Tellerrand in italienische, französische, schweizerische und türkische Küchen.

Das Prinzessinnen-Backbuch widmet sich gänzlich den süssen Seiten der Tafel. Hier findet sich das kleine Stück vom Glück ebenso wie Festtagsgebäck mit Krönchen und Galarobe für den ganz grossen Auftritt. Backtipps der Autorin, einfache, aber wirkungsvolle Dekovorschläge, Ratschläge für das richtige Werkzeug (das man auch mal im Baumarkt findet) und Getränkerezepte runden das liebevoll gestaltete lila-goldene Werk ab.

In einem Punkt sind sich die Backofenfans Felbermeir und Principe einig: Aus einer hundskommunen Rüeblitorte lässt sich noch einiges herausholen. Katharina Felbermeier versieht ihr Backwerk „Rüeblitorte de luxe“ mit einem Rand aus Mandelblättchen, obenauf kommt ein Topping aus Mascarpone und Doppelrahmfrischkäse, dann wird die Torte mit Sahnehäubchen, Beeren und Pistazien verziert. Ein Karottentraum sozusagen.

Claudio del Principe wiederum röstet die Karotten seiner „Radikalen Rüeblitorte“ für ein dichteres Aroma, verwendet nix anderes als Piemonteser Haselnüsse, und sein Kunstwerk hat als Grundlage einen Japonaisboden. Die Dekoration besteht nicht aus drögen Marzipanrüebli, Gott bewahre, sondern aus einer Karottencreme, garniert mit Dill.

Lustigerweise lässt sich in beiden doch so unterschiedlichen Koch-, beziehungsweise Backbüchern auch ein Rezept für Bratäpfel finden: Bei Claudio del Principe schlicht ohne jedes Beiwerk gebacken, dafür mit abwechselnden Zutaten serviert. Bei seiner küchenprinzesslichen Kollegin aus Bayern werden die Früchte mit Nougat und allerhand anderen köstlichen Zutaten in den Ofen geschoben.

Wovon beide Bäcker aber immer wieder schreiben: Wer etwas Gutes aus dem Ofen holen will, muss mit Liebe dabei sein und qualitativ einwandfreie Zutaten verwenden.

Das Prinzessinnen-Backbuch wird wahrscheinlich in seiner lila Aufmachung hauptsächlich Frauen mit Hang zum perfekten Auftritt ansprechen, wobei Felbermeir immer wieder betont, dass gerade die kleinen Unperfektheiten das i-Tüpfelchen ihrer Kunstwerke ausmachten. Felbermeir hat auch für Anfängerinnen Rezepte eingestreut, die durchaus mit einem guten Resultat rechnen lassen. Beispielsweise den Cinderella-Gugelhupf, Schneewittchen-Brownies oder Königliches Hüftgold. Und mit den gehaltvollen Schneeflöckchen-Trüffeln beglücke ich jemanden, der noch nicht zuviel Gold auf den Hüften hat und jede Menge Sport treibt.

Claudio del Principe hat zwar in al forno auch ein paar süsse Rezepte dabei, widmet sich aber ausgiebig fleischlichen und anderen salzigen Genüssen. Schweinebauch, Innereien, Ofenschinken, Beef Wellington etc: In diesem Buch kommen Fleischliebhaber bestimmt auf ihre Rechnung. Mir stand bei meinen Versuchen der Sinn eher nach anderem: Wunderbar fluffig wurde das türkische Fladenbrot, die Crespelle al forno und der Auberginenauflauf waren gleichfalls ein Genuss, der nach mehr schreit.

Bei Del Principe sollte man immer die Rezepte erst gut durchlesen und mehr Zeit einrechnen, als man auf den ersten Blick denkt. (Lieber Claudio del Principe: Es wäre wirklich hilfreich, wenn du bei deinen Rezepten ungefähre Gesamt-Zeitangaben vermerken könntest! Ich mag es nicht, wenn meine Familie sehnsuchtsvoll vor dem Backofen steht und die Frage dazu lautet: Wie lange dauert das noch? Wenn der Magen knurrt, sehen meine Prinzessinnen und Prinzen gerne mal rot statt rosa.)

 

Titel: al forno, alles aus dem Ofen, gebunden

Autor: Claudio del Principe

Verlag: at Verlag 2018, www.at-verlag.ch

Fr. 39.90/Euro 34.­–, ISBN 978-3-03800-070-9

Kurzbewertung: mmmh! Buch in Aufmachung und Stil gleich wie a casa.

Für wen: Unbedingt verschenken und dann auf eine Einladung hoffen! Für Gekrönte am Herd und solche, die es werden wollen.

 

Titel: Das Prinzessinnen-Backbuch, gebunden

Autorin: Katharina Felbermeir

Verlag: BLV München, 2018, http://www.blvverlag.de

Fr. 29.90/Euro 26.90, ISBN 978-3-8354-1850-9

Kurzbewertung: Einfache bis aufwendige, aber immer wunderhübsche Gebäck-Kreationen, die auf jede königliche Tafel passen. Sortiert nach den Themen Kleingebäck, Torten, winterliche Genüsse. Hilfreich sind die Tipps zu Dekorationen und Materialien. Hübsch aufgemachtes, aber küchentaugliches Buch.

Für wen: Unbedingt verschenken und dann auf eine Einladung hoffen! An alle, die selbst nach einem kleinen Misserfolg in der Küche ihr Krönchen zurechtrücken und weitermachen.

 

 

 

 

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Wild entschlossene Stalkerin trifft nicht ganz sauberen Therapeuten

In Silke Knäppers Roman Das Lieben der anderen treffen zwei problematische Persönlichkeiten aufeinander. Auf der einen Seite haben wir Psychotherapeut Simon, der es mit der Trennung von Liebe und Beruf nicht so genau nimmt und überhaupt bei schönen Frauen gerne schwach wird. Ihm gegenüber steht die Kleinkinderzieherin Helen, die an einer ausgewachsenen Borderline-Persönlichkeitsstörung leidet, klug taktiert, agiert und vor nichts zurückschreckt.

Helen und Simon sind einander auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, nachdem Simons Frau Claire eines Nachts vom Balkon fällt, direkt vor Helens Füsse. Weder Helen noch Simon reagieren, wie man es erwarten würde: Keiner von beiden ruft Polizei oder Krankenwagen. Helen sieht ihre Chance gekommen. Nichts wünscht sich die blasse Frau mehr, als aus ihrem tristen Leben auszusteigen. Bisher gab es keinen Mann, der nicht vor ihr geflohen wäre. Doch wenn sie nun Claires Leben „übernehmen“ würde, an der Seite von Simon, dann würde alles gut werden. Doch in Simons Leben ist kein Platz für Helen, auch wenn er als Psychologe eine kleine Schwäche für angeknackste weibliche Seelen hat.

Einer der Leitsätze für Geschichtenschreiber lautet: Der Leser sollte eine der Hauptfiguren eines Romans lieb gewinnen, „mit ihr gehen“. Doch in „Das Lieben der anderen“ möchte ich weder Helen begegnen und schon gar nicht mit ihr befreundet sein, noch möchte ich je in die Praxis eines Simon Prohaska als Patientin eintreten. Dass ein Ehemann einfach an der Leiche seiner vom Balkon gefallenen Frau vorbeispaziert, um sich ein paar Drinks zu genehmigen, scheint ungeheuerlich und wird noch ungeheuerlicher, wenn man im Laufe der Geschichte erfährt, weshalb er das tat.

Also: Was das Liebgewinnen der Hauptfiguren anbelangt, lässt mich Silke Knäpper ganz schön ins Leere laufen. Dennoch und erstaunlicherweise funktioniert diese Geschichte. Zum einen ist sie einfach gut geschrieben, zum anderen wird sie von einem solide aufgebauten Spannungsbogen getragen. Immer mehr werden die Seelenk(r)ämpfe von Helen und Simon enthüllt. Gegen Ende unterläuft Silke Knäpper noch einmal die Erwartungen. Meine Annahme war, diese Geschichte ende in einem brutalen Showdown mit ganz üblem Ausgang. Ganz so schlimm ist es dann doch nicht gekommen. Schlimm genug, denn sowohl Simon als auch Helen stecken weiterhin in ihren Leben fest.

Titel: Das Lieben der anderen, Roman, 316 Seiten, gebunden

Autorin: Silke Knäpper

Verlag: Klöpfer&Meyer, 2018, https://www.kloepfer-meyer.de

ISBN 978 3 86351 4747, Euro 22.–/Fr. 32.90

Kurzbewertung: Hier tun sich seelische Abgründe auf. Ganz und gar romantikfrei. Dafür mit Krimi-Spannung und jeder Menge Freud.

Für wen: Wer schon immer mal jemanden stalken wollte, findet hier eine patente Anleitung. (Am besten abwarten, bis einem eine Tote vor die Füsse fällt!)

 

 

 

Vom Plantagenjungen zum Salonvirtuosen: eine Karriere zu Zeiten Louis XVI.

In der oft gespielten Musik der Klassik gilt er als Randfigur: Joseph Boulogne, Chevalier de Saint-George. Das mag zum einen an Komponisten wie Mozart oder Haydn liegen, die das Feld dominieren. Sicherlich spielt aber auch die Hautfarbe des Chevaliers mit dem Vergessen seiner Kompositioneneine Rolle: Der Chevalier war Mulatte. Seine Mutter war die schwarze Sklavin Nanon, sein Vater der französische Gutsbesitzer George de Boulogne de Saint-George.

Über die musikalischen Qualitäten des „schwarzen Mozarts“ masse ich mir kein Urteil an; ob es sich um ein verkanntes musikalisches Genie handelt oder um einen gefällig komponierenden Mitläufer – darüber sollen Fachleute streiten. Jedenfalls war Joseph Boulogne zu Lebzeiten ein anerkannter Geiger, Komponist und Dirigent.

Ob nun genial oder nicht: Das wechselhafte Leben des Chevaliers ist zweifellos jener Stoff, aus dem Romane und Filme gemacht werden. Und anscheinend weist die Faktenlage über sein Leben genügend Lücken auf, die die Phantasie reizen.

Der niederländische Schriftsteller Jan Jacobs Mulder ist einer, der sich locken liess und der in seinem Buch Joseph, der schwarze Mozart in die Geschichte Frankreichs vor und während der Revolution eingetaucht ist. Joseph de Boulogne (geboren 1745, gestorben 1799) hat diese Zeit der grossen Umbrüche nicht nur miterlebt, sondern aktiv mitgestaltet.

Joseph wuchs behütet auf, wurde zu Zeiten von Louis XV und Louis XVI mit Ehren und hohen Ämtern bedacht, war verwöhnt und ohne Sorgen materieller Art. Er besass gleich mehrere Talente. Zum einen brillierte er als Fechter, zum anderen als Geiger, Dirigent und Komponist. Die Erfolge blieben nicht aus. Wie alle erfolgreichen Menschen bekam er aber auch Neid und Gegenwind zu spüren. Zu den persönlichen Problemen, die sich aus seiner für damalige Pariser Verhältnisse ungewöhnlichen Hautfarbe ergaben, kamen politische und gesellschaftliche Umwälzungen. Da war eine Monarchie, die die Zeichen nicht erkennen wollte, und auf der Gegenseite eine aufgebrachte Bevölkerung. Aufklärerisches Gedankengut schwirrte in den Köpfen umher. Die Revolution nahm ihren verhängnisvollen Lauf. Joseph de Boulogne trat in den Kampf ein. Und setzte sich mit all seinen Mitteln für die Befreiung der Sklaven ein.

Wir begegnen der Romanfigur Joseph erstmals 1799, kurz vor seinem Tod. Er liegt mit Wundbrand im Bett, gepeinigt von Schmerzen. Er erinnert sich an seine ersten glücklichen Lebensjahre in Guadeloupe, an die Überfahrt nach Frankreich, seine Jugendjahre, in denen er eine Fechtschule besuchte, bedeutende Musiker kennenlernte, dann an seine Abenteuer als junger Mann, an Fechtkämpfe, die ihn bis nach England führten, an seine Vergnügungen und Verwicklungen mit der High Society der damaligen Zeit. Ein Leben, in dem es nicht mangelte an Triumphen, Kämpfen, spannenden Menschen und eitlen Freuden. Doch immer dabei ist die Frage nach der Hautfarbe. Ein Mulatte, der sich in höchsten Kreisen bewegt, war nicht nur exotisch, sondern auch ein Ärgernis. Jan Jacobs Mulder stellt Joseph als Menschen dar, den stets eine innere Unrast vor sich hertreibt. Er ist immer der Exote, der Mann, der alles besser oder verrückter machen muss als alle anderen. Ein Mensch auf der ständigen Suche nach Anerkennung.

Beim Lesen des Romans tauchte bei mir öfter störend die Frage nach der Erzählform des Romans auf. War es eine geschickte Wahl des Autors, den Protagonisten selber erzählen zu lassen, zumal der Romanheld den Tod erwartend im Bett liegt? Ist ein mit akutem Wundbrand (Fäulnis, sich ablösende Hautpartien, Schmerzen etc.) und ohne Behandlung dahinsiechender Patient wirklich noch fähig, sich sein Leben wohlgeordnet durch den Kopf gehen zu lassen, wie es uns die Geschichte weismachen möchte? Ich zweifle daran, lasse mich aber gerne von einer medizinisch versierten Fachperson belehren.

Ich habe in meinen – allerdings oberflächlichen – Nachforschungen auch nirgends die Bestätigung gefunden, dass Joseph einer Kriegsverletzung, die er sich in der Karibik zugezogen haben soll, erlegen ist. Vielmehr soll er zwei Jahre nach seiner Rückkehr nach Paris im Alter von 54 Jahren gestorben sein. Ein Problem, das bei historischen Romanen immer mal wieder auftaucht: Wo fängt die dichterische Freiheit an und wo wären die Fakten wichtiger?

Einmal abgesehen davon: Joseph, der schwarze Mozart lässt einen eintauchen in Jahre voller Wirren, Schrecknisse und Gewalt. Aber wir erhaschen auch ungewohnte Einblicke in freizügige Salons, in denen offen über alles diskutiert wird. Oder wir besuchen Fechtschulen, die Fitnessstudios des 18. Jahrhunderts. Ein Roman auch, bei dem vorab die Frauen gut wegkommen: Die weiblichen Figuren sind durchwegs liebevoll, frei von Dünkel, offen und mutig dargestellt.

 

Titel: Joseph, Der schwarze Mozart, Roman

Autor: Jan Jacobs Mulder, aus dem Niederländischen von Ulrich Faure

Verlag: Unionsverlag, Zürich, 2018, http://www.unionsverlag.com

ISBN 9783293005358

Kurzbewertung: Joseph Boulogne, Chevalier de Saint-George, ist musikalisch talentiert, überaus sportlich, risikobereit, begehrenswert und bewegt sich scheinbar mühelos in Pariser Adelskreisen. Er hat nur ein Handicap: er ist Mulatte. Auf seinem Totenbett denkt er über sein Leben nach. Ein spannender Roman über einen Pariser Haudegen und ein Ausnahmetalent zur Zeit vor und während der Französischen Revolution.

Für wen: Schon einmal etwas gehört von einem französischen Frühklassiker mit schwarzer Hautfarbe, der sogar Mozart inspiriert haben soll und Kontakt zu Haydn hatte?  Oder etwas vernommen von einem Mulatten, der gegen Prinzen und sogar eine Dame Fechtkämpfe ausführte oder zum Gaudi der Pariser durch die Seine-Kloake schwamm? Nein? Dann wird es höchste Zeit dafür?

 

 

Auf einen Sockel gehoben und wieder runtergeholt: Emanuel Stickelberger VII.

Nach einer kleineren aufgezwungenen Lese-Auszeit, die mich bis jetzt glücklicherweise keine Leser gekostet hat (uff), bin ich wieder zurück im Blog. Diesmal mit einer vergnüglich zu lesenden Biographie, die sich allerdings als Roman tarnt oder vice versa: Mein fast grosser Grossvater von Jacob Stickelberger. Ein überaus gelungener Titel, finde ich.

Mit dem Berühmtwerden und -bleiben ist es so eine Sache. Neben einer gekonnten Imagepflege sowie guten Kontakten gehören nicht nur eine Portion Glück dazu, sondern auch die richtige Idee zur richtigen Zeit am rechten Ort.  So kann das Werk des Berühmt-Sein-Wollenden auf den Wellen der Zeit reiten und wird im besten Fall von ihnen hierhin und dorthin geschaukelt. Eine Sichtweise, die Emanuel Stickelberger sicher nicht mit mir geteilt hätte.  Sich der Moderne oder so etwas Profanem wie dem Zeitgeist anzupassen, kam für den Schweizer Unternehmer und Schriftsteller Stickelberger (geb. 1884) nicht in Frage, will man seinem Enkel Glauben schenken.

Jacob Stickelberger, der Autor von Mein fast grosser Grossvaterist einer, der von Berühmtheit sicher einiges zu erzählen weiss, ist er selber doch einer der Berner Troubadours. In seinem Buch beschreibt er allerdings nicht seine eigenen Erfolge, vielmehr ist sein Buch dem Grossvater gewidmet, eben jenem Emanuel Stickelberger. Stets liebevoll, manchmal kritisch und vor allem augenzwinkernd erinnert er sich an seinen Opapa, einen Familien-Patriarchen aus der ersten Hälfte des 20igsten Jahrhunderts, wie man ihn sich nicht prachtvoller vorstellen könnte. Und so sehen wir auch auf dem Buchumschlag einen distinguierten, beschnauzten, gescheitelten Herrn mit Zigarre in der Rechten, einer Zeitung auf den Knien in einer bis unter die Decke mit Schmöckern ausgestatteten Bibliothek sitzen. Soviel zur sorgfältigen Pflege des Images.

Schriftstellerisch war der Zigarren schmauchende und belesene Opapa vor allem in der Vergangenheit unterwegs: Ihn interessierten Figuren wie Zwingli, Calvin oder Hans Waldmann. Das schriftstellerische Werk Stickelbergerges ist umfangreich und fast durchwegs rückwärtsgewandt. Nach dem Zweiten Weltkrieg, mit dem Blick auf eine Zukunft in Frieden und Harmonie, hätten aber nur noch wenige Leser Interesse an historischen Stoffen bekundet, schreibt sein Enkel Jacob Stickelberger. Und so sei denn Emanuel Stickelberger, der in der ersten Hälfte des 20igsten Jahrhunderts durchaus etwas galt, fast vollkommen in Vergessenheit geraten.

Jacob Stickelberger beschreibt in seinen Erinnerungen nicht nur seine eigene Kindheit, sondern gleichfalls das Zusammenspiel innerhalb der grossen Familie, als deren Zentrum und wichtigste Instanz die „Respektsperson“ Emanuel Stickelberger 7. galt: Dieser war ein Mensch mit Ecken und Kanten, manchmal überraschend liebenswürdig, hier und dort eitel, stur oder gar lächerlich, irgendwie aber meist „Herr der Lage“. Dass der Autor seinen Rückblick als Roman bezeichnet, verweist aber deutlich darauf, dass er die Ereignisse rund um seinen Opapa nicht Schwarz auf Weiss, sondern unverkrampft bunt dargestellt hat.

 

Titel: Mein fast grosser Grossvater, Roman, 175 Seiten

Autor: Jacob Stickelberger

Verlag: Zytglogge, 2018, http://www.zytglogge.ch, ISBN 978-3-7296-0995-2

Fr. /Euro 32.–

Kurzbewertung: Familiengeschichte zum Schmunzeln. Gleichzeitig kann man sich seine Gedanken machen über das Zusammenspiel der Kräfte innerhalb eines Clans. Und über die eigene Rolle darin, die vielleicht gar nicht so erhaben ist, wie man meinen möchte.

Für wen: Für alle, denen es im Zusammenhang mit Familie nie zuviel des Guten wird. Für Basler Daig-Schneuggi und jene, die gerne vergessene Schriftsteller ausgraben.

 

 

Flucht ist kein Garant für Glück

Nashim ist krank. Sie wird bald sterben. In Schweden, einem Land, in dem sie jahrzehntelange gelebt und gearbeitet hat. Nashim stammt aus Persien. Sie hat nach der Islamischen Revolution an Protesten teilgenommen. Schlimmer noch: Ihre Schwester ist wegen ihr bei einer Demonstration umgekommen. Nashim muss mit Mann und Tochter Aram fliehen. Nun quält sich Nashim: War es richtig zu fliehen und Aram in der Fremde aufzuziehen?

Was bleibt von uns ist der Roman der schwedischen Autorin Golnaz Hashemzadeh Bonde. Sie schreibt ihren Roman aus der Ich-Perspektive in kurzen, stossweisen Sätzen, als hätte jemand zu wenig Atem, als würde sich jemand nicht getrauen, die Gedanken schweifen zu lassen. Das passt durchaus zu dieser Geschichte, in welcher es um eine tödliche Krankheit geht und um eine Menge unschöner Erinnerungen.

Die schwermütigen Lieder der persischen Sängerin Googoosh spielen innerhalb der Story eine kleine, wenn auch wichtige Nebenrolle. Googoosh selber reiste von Amerika, wo sie sich aufhielt, als 1979 die Revolution ausbrach, in den Iran zurück und wurde als Frau prompt mit einem Auftrittsverbot belegt. Erst nach 2010 kehrte sie auf die Bühne zurück. Somit ist sie das genaue Gegenteil von Nashim: Googoosh hat die Leiden ihres Landes und ihrer Landsleute mitgelebt, -erduldet. Damit wird sie für Nahid zu einer Symbolfigur. Denn Nahid hat sich ein Leben lang gefragt, ob der Preis, den sie für ihre Flucht bezahlt hat, nicht zu gross war. Sie hat ihre Mutter, ihre Schwestern, alles Bekannte zurückgelassen, nur um in Schweden festzustellen, dass es ihr nicht gelingt, dort Wurzeln zu schlagen.

Aus Sicht des Lesers ist die Frage überflüssig: Nashim und ihr Mann hatten nur die Wahl zwischen Tod und Flucht. „Ich glaube, der Tod war immer bei mir“, stellt Nashim denn auch gleich zu Beginn des Buches fest. Es ist eine Binsenwahrheit, dass wir unsere Probleme überallhin mitschleppen. Bei Nashim ist die Last besonders gross. Sie fühlt sich schuldig am Tod ihrer Schwester Noora. Auch hat sie aus Angst vor der Folter Freunde verraten. Über diesen schwachen Moment in ihrem Leben schweigt sie sich aus. Die Beziehung zu ihrem Mann ist durch die Geschehnisse belastet und zum Scheitern verurteilt.

Die krebskranke Nashim hadert mit ihrem Schicksal. In der Beschreibung der Verzweiflung der Todkranken, die sich in ihrem Gefühlschaos verheddert, liegen die Stärken dieses Buches. Nahim schwankt zwischen sämtlichen Extremen: Sie ist hilflos und zornig, weinerlich und anklagend, gleichgültig und verbissen. Und dazwischen taucht immer wieder die Frage auf, weshalb es ihr nicht gelingen wollte, ein glückliches Leben zu führen.

Für meinen Geschmack schneidet der Roman etwas gar viele Themen an: Gewalt gegen Frauen, die Islamische Revolution und in deren Gefolge Folter, Verrat, Flucht etc. Dazu kommen der Verlust des Gefühls, zu Hause zu sein, der Eindruck, auf allen Linien versagt zu haben, eine tödliche Krebserkrankung sowie das Abschiednehmen vom eigenen Leben. Dieser Fülle an Themen, von denen jedes an sich schon buchfüllend wäre, kann die Autorin auf 219 Seiten natürlich nicht gerecht werden.

 

Titel: Was bleibt von uns, Roman, aus dem Schwedischen von Sigrid C. Engeler, gebunden, 219 Seiten

Autorin: Golnaz Hashemzadeh Bonde

Verlag: Nagel & Kimche, Zürich 2018, http://www.nagel-kimche.ch,

ISBN 978 3 312 01089 9, Fr. 29.90/Euro 20.–

Kurzbewertung: Ziemlich glaubhaft und eindrücklich scheint mir dieser Roman dort, wo es um die Gefühlslage von tödlich erkrankten Krebspatienten geht. Einigermassen erhellend auch zu lesen, weshalb es manchen Immigranten nicht gelingen will, nicht gelingen kann, in ihrem Gastland anzukommen.

Für wen: Es handelt sich um eine gefühlig geschriebene Geschichte. Also für alle LeserInnen, die das gerne mögen.

 

„Unschuld ist nichts als Feigheit“ – oder: testosteron-gesteuerte Apocalypse now

Nein, Tram 83 von Fiston Mwanza Mujila ist kein Roman, der es einem leicht macht. Nicht was die Handlung und den Schauplatz anbelangt, nicht, was die Figuren anbelangt, und auch nicht, wenn es darum geht, zu verstehen, wer denn hier überhaupt erzählt. Mal sind wir nahe bei den zwei Hauptfiguren Requiem und Lucien, mal überblicken wir die Situation aus der Vogelperspektive und dann wieder spricht einer, der sich nicht vorstellt, in der Wir-Form. Was chaotisch wirkt, dürfte jedoch vom Autor beabsichtigt sein. Denn es ist eine apokalyptische Szene, die er darstellt, ein Drunter und Drüber aus Menschen, Vergnügungssucht, schnellem Sex, Betrug, Korruption etc., untermalt von Jazz und südamerikanischen Rhythmen. In diesem Setting weiss keiner, wer er mal war, noch was er morgen sein möchte. Eine Weltuntergangsstimmung, in der ein Mann wenig zählt und ein toter Hund mehr wert ist als ein Mädchen.

Bevor ich mich jedoch noch ganz verheddere in dieser Geschichte, erst ein paar Worte zum Autor von Tram 83:

Fiston Mwanza Mujila lebt in Österreich und unterrichtet dort afrikanische Literatur. Er stammt aus dem Kongo, aus der Stadt Lubumbashi. Die Stadt liegt in einer rohstoffreichen Gegend und ist besonders für Kupferherstellung bekannt. In den 90ern war Lubumbashi auch Kriegsschauplatz. Seine Heimat dürfte dem Autor den politischen, wirtschaftlichen und menschlichen Stoff für seinen Roman Tram 83 geliefert haben. Es kann demnach vor der Lektüre des Buchs nicht schaden, sich die Geschichte des Kongos in Erinnerung zu rufen: das Land war bis weit ins zwanzigste Jahrhundert kolonialisiert, wechselte mehrmals seinen Namen und nennt sich seit 1997 Demokratische Republik Kongo. Bürgerkrieg, Korruption, Miss- und Günstlingswirtschaft prägen das Land, das sich zwar demokratisch nennt, seine Bürger aber nicht wirklich teilhaben lässt. „Stabil ist im Kongo nur die Krise“, heisst es in einem Artikel der „Süddeutschen Zeitung“ aus dem Jahr 2017.

Zum Buch: Tram 83 ist der Name einer Bar. Sie liegt im Umfeld des Bahnhofs von Stadtland, einem fiktionalen, desaströsen Stadtstaat, irgendwo in Schwarzafrika. Zitat aus Tram 83: „Stadtland gehört zu den Gebieten, die das stille Leiden schon hinter sich gelassen haben.“ Stadtland lebt von seinen Minen, das heisst, einige leben sehr gut davon, die anderen schauen, dass sie auch ein Stück vom Kuchen abbekommen. Die Mittel dazu sind nicht zimperlich. In der Bar treffen sich des Nachts verkommene Glücksritter, gewaltsame Glücklose und allerlei „verirrte Existenzen“. Eine herbe Mischung von ausbeuterischen Weissen, schweiss- und alkoholgetränkten Minenarbeitern, Prostituierte – abschätzig Single-Mamis oder Küken genannt – auf der Suche nach einem, der ihnen ein Hundespiesschen offeriert, Waffenhändler, Wegelagerer, abtrünnige Rebellen und ehemalige Kindersoldaten. Mitten in dieser Gemengelage bewegen sich Requiem und Lucien. Requiem, dem die Illusionen und der Glaube an eine Zukunft abhanden gekommen sind, hat immer irgendwelche krummen Geschäfte am Laufen; Lucien wäre gerne Schriftsteller; doch wer braucht bei den Zuständen schon einen Schriftsteller. Lucien lernt eines Nachts im Tram 83 einen Schweizer „Verleger“ kennenl. Ein Glücksfall?

Was fesselt eine Leserin wie mich, die ich zuweilen Mühe bekunde, mich einer solch gnadenlosen Realität zu stellen, an Tram 83? Mujila hat so etwas wie ein Gesamtkunstwerk aus Schauplatz, Figuren, Nach-mir-die-Sintflut-Stimmung, Worten und Rhythmus geschaffen. Symbol für die beschriebenen Zustände bildet das Skelett eines Bahnhofs, Fixpunkt in einer Stadt, die diesen Namen kaum verdient. Rings um das Gebäude strömen Tag und Nacht Menschen, Zombies mehr, „auf der Suche nach dem billigen Glück“. Beim Bahnhof diese Bar, eine schwarze Höhle, in der Jazz gespielt wird, „die Musik der Bourgeoisie der letzten Stunde“. Requiem und Lucien, einst Freunde, könnten unterschiedlicher nicht sein. Der eine abgebrüht, der andere ein hilfloser (Alb)Träumer. So hart das Leben in dieser Stadt, die „mit Hilfe von Kalaschnikows zum Staat geworden ist“, so erbarmungslos trommelt Mujila seine Worte, rhythmisiert, wiederholt, kehrt immer wieder zum schrillen Ausgangsthema zurück, beschönigt nichts. Es sind Satze wie „Unschuld ist nichts als Feigheit“ oder „Jeder für sich und Scheisse für alle“ und das ewige „Was sagt die Uhr“ der sich prostituierenden Mädchen, die sich einem ins Gehirn hämmern.

Harter Lesestoff, fürwahr, aber einer, den man nicht so schnell vergessen wird.

Was einem als Frau besonders weh tut: Das Frauenbild, das in Tram 83 – im Staccato – vermittelt wird, ist grauenhaft und deprimierend! Es wäre dem Schriftsteller gut angestanden, die Frau in dieser Welt aus Testosteron und Machtgehabe auch einmal als denkendes, fühlendes Menschenwesen darzustellen, anstatt sie nur als beliebig austauschbare Massenware auf- und abtreten zu lassen. Sind es nicht die Frauen, die in schwierigen Situationen den Hauptteil der Last tragen und den Karren am Laufen halten?  Das wird in Afrika nicht anders sein als anderswo. Gerade von Schriftstellern erwarte ich, dass sie männerdominierte Gesellschaftent an ein gleichwertiges Frau-Mann-Bild heranführen. Da genügt es mir nicht, wen der ernüchternde Ist-Zustand zwar krass dargestellt wird, aber kein Gegengewicht dazu geschaffen wird. Gesellschaftliche, auch politische Veränderungen passieren erst, wenn Frauen als vollwertige Menschen anerkannt sind. Ich hoffe jedenfalls, dass Mujila das Thema in einem nächsten Buch noch anders aufgreifen und darstellen wird.

Titel: Tram 83, Roman, aus dem Französischen von Katharina Meyer und Lena Müller, Taschenbuch, 207 Seiten

Autor: Fiston Mwanza Mujila

Verlag: Unionsverlag, www.unionsverlag.com, ISBN 9783293 208032 Fr. 19.50/Euro 12.95

Kurzbewertung: Ein höchst eigenwilliger, eigenständiger Text über die Lebenssituation in einer schwarzafrikanischen Minenstadt, wo jeder mit allen Mitteln sein Glück machen möchte. Kompromisslos der Blick und die Wortwahl, rhythmisch die Sprache.

Für wen: Nichts für Out-of-Africa-Romantiker. Mujila zeigt ein anderes Afrika: das der Schürfer, Kindersoldaten, Glücksritter aller Couleurs, Huren, Zuhälter, Säufer, Jazzmusiker, Hundefänger und anderer Nachtschwärmer. Ein Blick auf das, was korrupte Politiker und Günstlingswirtschaft für ein Land und seine Bevölkerung bedeuten. Angesichts der heutigen politischen Lage in Europa kann das Buch auch durchaus als Lehrstück genommen werden, wohin ein Land driftet, das von innen heraus politisch und wirtschaftlich geschwächt wird. Rücksichtslose Nutzniesser sind in solchen Situationen schnell aus ihren Rattenlöchern gekrochen.

Regina Flint pirscht auf Indianer- und Bürgerkriegspfaden

Krimiautorin Petra Ivanov schickt in ihrem soeben erschienenen Werk ihre beiden Ermittler Staatsanwältin Regina Flint und Bruno Cavalli in den Süden der Vereinigten Staaten von Amerika. Zwei Rätsel sind zu lösen: Im Reservat der Cherokees treibt ein Blasrohrmörder sein Unwesen. In Zürich wurde ein Mann erschossen, ein Nachfahre von Amerikaschweizer Henry Wirz, der im Sezessionskrieg eine Rolle spielte. Nach und nach erhärtet sich der Verdacht, dass das eine mit dem anderen in Verbindung steht. Doch wie? Seriöse Detektivarbeit und eine Menge Indianerinstinkt sind hier gefragt.

Ivanovs Krimi spielt vor allem in der ersten Buchhälfte auf zwei Zeitebenen: im Heute und zu Zeiten des amerikanischen Bürgerkrieges. Anhand von einzelnen Personen tauchen wir in die damalige Situation ein. Und beginnen zu erahnen, weshalb der Bürgerkrieg das Land und seine Menschen bis heute umtreibt. Ivanov gelingt es, die unterschiedlichen Sichtweisen von Nord und Süd, die sich bis heute auswirken, darzustellen. Mit einem Urteil darüber hält sie sich wohlweislich zurück. Spannend für Schweizer Leser ist es allerdings, dass auch Menschen aus unserem Land am Krieg teilgenommen haben, einer davon wurde sogar nach Kriegsende wegen menschenverachtender Grausamkeit hingerichtet. Ob er ein Bauernopfer war oder das Urteil zu Recht erfolgte, dürfte wohl nie geklärt werden.

Ich habe grosse Hochachtung vor Ivanovs seröser und intensiver Recherchierarbeit. Auch weiss sie den Spannungsbogen durchs ganze Buch hindurch zu halten. Etwas Mühe habe ich, bei dem vielen Personal, das diesen Krimi bevölkert, die Übersicht zu behalten. Da sind nicht nur die Schweizer Ermittler und ihre recht komplizierten Beziehungen zueinander. In Alte Feinde haben wir es zusätzlich mit Bürgerkriegsteilnehmern sowie ihren Nachfahren zu tun, dann aber auch mit einer Horde von FBI-Leuten, Cherokee-Indianern und obendrein mit Gangstern, welche bereits in früheren Ivanov-Krimis aufgetaucht sein dürften. Wer diese allerdings nicht gelesen hat, wäre froh um eine übersichtliche Auflistung vorne im Buch.

 

Titel: Alte Feinde, Kriminalroman gebunden, 375 Seiten

Autorin: Petra Ivanov

Verlag: Unionsverlag, Zürich 2018, http://www.unionsverlag.com

ISBN 978-3-293-00537-2, Fr. 35–/Euro 26.

Kurzbewertung: Staatsanwältin Regina Flint hat einen Fall zu lösen, der mysteriöserweise etwas im dem amerikanischen Bürgerkrieg (1861-1865) zu tun hat. Sie reist nach North Carolina, wo vor kurzer Zeit ihr Partner Cavalli untergetaucht ist. Hängen sein Fall und ihrer irgendwie zusammen? Spannend geschrieben mit interessanten Abstechern in die amerikanische Geschichte, in der auch Schweizer eine Rolle spielten.

Für wen: Amerikafans, die sich auch etwas für die Geschichte des Landes interessieren.