Was sucht Max Frisch in der Küche?

Es gibt Köchinnen und Köche, bei denen wird jeder Abstecher in die Küche eine Weltreise. Es gibt Leserinnen und Leser, die benötigen keinen Koffer, um die Welt zu bereisen; eine anständige Bibliothek und eine bequeme Leseecke tun es auch. Nicole Giger aber verknüpft das eine mit dem anderen und scheint dabei jede Menge Spass zu haben. In ihrem Kochbuch Ferrante, Frisch und Fenchelkraut lässt uns die Foodbloggerin daran teilhaben. Der Blog von Nicole Giger heisst übrigens „magsfrisch“. Was schon viel über ihren Witz und ihre Vorlieben aussagt. Der Name magsfrisch ist auch in ihrem Buch Programm.

Ganz ehrlich: Ferrante, Frisch und Fenchelkraut – vor dem Titel schreckte ich erst einmal zurück, Alliteration hin oder her. Zum einen bin ich kein Ferrante-Fan (huch, und das bei der allgemeinen Begeisterung rundum!), Fenchelkraut kann mich auch nicht wirklich begeistern. Zwischen diesen beiden Max Frisch einzuquetschen, kam mir ziemlich frevelhaft vor. Nun, da ich das Buch durchgelesen habe, verzeihe ich aber Autorin und Verlag grosszügig und gerne: Zu witzig sind die Abstecher in die Weltliteratur und die Reisen der Autorin, zu „aamächelig“ die Bilder, die zu den Rezepten und Geschichten gehören. An Rezepten findet sich einiges, was man eigentlich kennt, aber so à la Giger abgewandelt dann doch noch nie gegessen hat. Ausprobieren!

Titel: Ferrante, Frisch und Fenchelkraut, Ich koche mich durch die Weltliteratur, 320 Seiten

Autorin: Nicole Giger

Verlag: at-verlag, www.at-verlag.ch

ISBN 978-3-03902-007-2, Euro 29.90/Fr. 36.90

Kurzbewertung: Literatur, Koch- und Reiselust mit viel Humor garniert in einem Buch versammelt. Macht Laune. 

Für wen: Das Weihnachtsgeschenk für Leute, die gerne lesen, gedankenreisen, lachen – kochen muss man nicht unbedingt. Es ist aber wahrscheinlich, dass man beim Lesen und Blättern Hunger bekommt und dann die Pfannen zu schwingen beginnt. 

„Darling, die Welt ist nicht tot, sie bietet Wunder“

Los Alamos ist winzig. Dieser Satz und zugleich Buchtitel des Schweizer Autors Dieter Zwicky mag bei einer Einwohnerzahl von rund 12 000 Personen durchaus stimmen. Dieter Zwicky schafft es jedoch, in diesem winzigen Los Alamos eine Einwohnergemeinschaft herbeizufabulieren, die an Seltsamkeit, Verschrobenheit und Rätselhaftigkeit ihresgleichen sucht. 

Eines vorweg: Los Alamos ist winzig lässt sich in keine der üblichen Buchkategorien einordnen. Dazu schreibt Dieter Zwicky zu eigenwillig. Was unter seiner Feder entstanden ist, ähnelt am ehesten ungehemmter, fast verzweifelter Erinnerungsarbeit: Dort wo die Präzision der Erinnerungsbilder nachlässt, übernehmen Phantasie, Fabulierkunst, Aberwitz und Assoziationen. So kommt eines zum anderen, bis am Ende keiner mehr weiss, was war und was auch noch hätte sein können. 

Den roten Faden in der Geschichte, so es denn eine Geschichte ist, halten die beiden Figuren Jacqueline und ihr Gefährte, der als Erzähler auftritt. Jacqueline arbeitet beim Wasseramt von Los Alamos. Abends sitzen die beiden Hauptfiguren auf ihrer windigen Terrasse, halten sich an ihren Chardonnay-Gläsern fest und lassen die Bewohner der Stadt in nostalgischer Stimmung Revue passieren, das Ganze vermischt mit Jugend-Erinnerungsfetzen aus dem liechtensteinischen Schaanwald. Ein Gedanke führt zum nächsten, schlägt Purzelbäume, macht poetische Überschläge, landet mit dem Fesselballon in einem Einkaufszentrum, rollt schwermütig mit dem Bus durch die Stadt ohne Zentrum oder paddelt in einem liechtensteinischen Ententeich. 

Titel: Los Alamos ist winzig, kartoniert, 135 Seiten

Autor: Dieter Zwicky 

Verlag: pudelundpischer Wädenswil, 2019

ISBN 978-3-906061-19-1, Fr. 29.00/Euro 23.00

Kurzbeschrieb/-bewertung: Logik oder Stringenz sucht man in diesem Buch vergebens. Aber mit phantastischen Szenen und dichter Chardonnay-Atmosphäre wird man reicht beschenkt. Eine „Geschichte“ der anderen Art.

Für wen: Wagemutige. LeserInnen, denen es auch nach dem wiederholten Lesen eines Textes egal ist, zu keinem Schluss zu kommen.

Gesund und stark wie ein indischer Elefant mit Ayurveda

Wie versprochen hier das zweite Buch, welches sich mit der ayurvedischen Küche befasst. Das letzte Mal habe ich ein Buch rezensiert, welches hauptsächlich Tridosha-Rezepte (also solche für jeden Konstitutionstyp) bietet, die sich unkompliziert in die europäischen Kochgepflogenheiten einfügen lassen. 

Dieses Mal geht es um Ayurveda für Menschen, die sich vertiefter mit dem Thema auseinandersetzen und die guten Erfahrungen, die sie mit Ayurveda gemacht haben, in ihr Leben integrieren möchten.

Das Kochbuch des Ayurveda, Selbstheilung durch die ayurvedische Küche, von Usha und Dr. Basant Lad kann als Ayurveda-Koch-Klassiker bezeichnet werden. Umfassend orientiert Dr. Lad über die Wirkung von Lebensmitteln, Kräutern, Gewürzen und Getränken auf unseren Körper. Das geht natürlich nicht, ohne die einzelnen Konstitutionstypen miteinzubeziehen, die das Ayurveda unterscheidet. Dr. Lad geht ausführlich auf die Faktoren ein, die den Stoffwechsel und damit unsere Gesundheit beeinflussen, erläutert, welche Lebensmittelkombinationen uns bekommen usw. Das mag zu Beginn wegen der unbekannten Begriffe etwas schwierig zu verstehen sein. Doch wie bei allem: Übung macht den Meister. Dr. Lad liefert auch gleich Anregungen für Menus  und einen umfassenden Einblick in die Grundausstattung einer Ayurveda-Küche mit. Steht diese  bereit, kann es losgehen mit mörsern, schnippeln und köcheln. 

Die (allesamt fleischlosen) Rezepte stammen aus dem Rezeptschatz von Usha Lad: Suppen, Kitcharis, Reisgerichte, Gemüse, Raitas, Chutneys, Brote, Süssigkeiten, Getränke, alles dabei. Etwas vermisst habe ich Angaben zu Frühstücksspeisen. Alle Rezepte im Buch sind mit einer Orientierungshilfe versehen, die darüber Auskunft geben, wie sie auf Vata, Pitta oder Kapha wirken. 

Mit dabei ist im Buch auch eine Tabelle, anhand derer sich das eigene Dosha bestimmen lässt. Mein Versuch damit hat mich mit einigen Fragezeichen stehen lassen. Also nochmals: Doshas lässt man am besten von einer Fachperson bestimmen.

Besser erging es mir mit dem Ausprobieren der Rezepte: eine aromatische Rote-Linsen-Suppe, die nach Dr. Lad gut bei Grippe und Durchfall sein soll, gab es gestern als Abendmahlzeit. Und heute Mittag Gemüse-Pakoras: köstlich, wenn auch nur mässig gut für meinen Konstitutionstyp, der zu Fettpölsterchen neigt. 

Titel: Das Kochbuch des Ayurveda, Selbstheilung durch die ayurvedische Küche, 275 Seiten, gebunden

Autor: Usha Lad und Dr. Basant Lad

Verlag: Narayana Verlag, 4. Auflage 2017, http://www.narayana-verlag.de

ISBN 978-3-95582-040-4, Fr. 30.–/Euro 29.00

Kurzbeschrieb/-bewertung: Ayurvedisch-sorgfältiges Kochen, Zufriedenheit, Gesundheit und Heilkraft der Mahlzeiten werden hier gross geschrieben. Mit Tipps zu jedem Rezept betreffend der Wirkung auf den Körper. Das Kochbuch ist wunderschön indisch gestaltet, nicht nur mit Bildern, sondern auch mit Elefäntchen, Elefanten und Elefantengottheiten sowie Blumenmusterranken.

Für wen: Für jene, die Ayurveda vertieft in ihre Mahlzeiten und ihr gesamtes Leben integrieren wollen und denen es nichts ausmacht, wenn ihre Wohnung nach Gewürzmarkt durftet.

Kochen auf Indisch geht auch entspannt

In meiner letzten Buchbesprechung ging es um das Frauenbild in Indien. Heute nun ein gleichfalls indisches Thema, aber ein rundweg Erfreuliches, nämlich die ayurvedische Küche.

Ich habe mir zwei völlig unterschiedliche Ayurveda-Kochbücher von zwei Verlagen erbeten und sie erfreulicherweise zur Besprechung erhalten. Das erste werde ich heute rezensieren, die Beschreibung des anderen wird zu einem anderen Zeitpunkt folgen.

Heute also Ayurveda-Küche für jeden Tag von Dr. Barbara Wirth.

Die Autorin verspricht nicht zuviel, wenn es im Titel weiter heisst: Ayurveda goes West: 110 einfache Rezepte. Tatsächlich ist Ayurveda hierzulande keine einfach umzusetzende Angelegenheit. Wer sich damit auch nur ein bisschen befasst, erkennt bald, dass es nicht nur um ein bisschen Joga und Massagen geht, sondern eine ganze Philosophie dahintersteckt, die sich aus jahrhundertealtem Wissen nährt. Wer mit Ayurveda aufwächst, wird es wohl einfacher haben, als unsereins, die wir uns bestenfalls mal eine ayurvedische Massage gönnen und uns danach wunderbar fühlen. 

Dieses Wohlgefühl gilt es beizubehalten oder zu gewinnen. Dazu gehören selbstverständlich gesunde, frische Nahrungsmittel, wie sie in der ayurvedischen Küche selbstverständlich sind, angereichert mit Kräutern und Gewürzen, die im übrigen als kleine Apotheke gelten und sehr bewusst und gezielt eingesetzt werden. 

Barbara Wirth hat in ihrem Kochbuch Ayurveda-Küche für jeden Tag Rezepte für alle Dosha-Typen zusammengestellt. Wer also über seine Dosha und -Disbalancen noch nicht Bescheid weiss, ist mit diesem Kochbuch auf der sicheren Seite. Hat man erst einmal in Sachen Ayurveda „angebissen“ und will seine Kenntnisse vertiefen, lohnt sich eine Dosha-Bestimmung durch eine Fachperson. Bis dahin kann man sich dank der einfachen Infos zum ayurvedischen Gedankengut auf den ersten Seiten des Buches den Spass machen, sich selbst einzuschätzen. Aber Achtung: Das hat dann mit einer ernsthaften Typen-Bestimmung nichts zu tun.

Das Mantra der Autorin heisst: Ayurveda geht auch entspannt und unkompliziert. Dafür bin ich ihr dankbar und bin sicher, mit mir erfreuen sich an diesem Satz noch andere. Barbara Wirth hat nämlich erkannt, dass die Umsetzung einer Philosophie aus einem fremden Kulturkreis jemand Willigen schnell an die Grenzen des Machbaren bringen kann. Die Bedingungen und Denkweisen hierzulande sind anders als in Indien. Also muss auch die Umsetzung etwas angepasst werden. Barbara Wirth wagt mit ihrem Kochbuch den Brückenschlag und passt die ayurvedische Küche europäischen Bedürfnissen und Gepflogenheiten an. Das Ergebnis möchte ich als rundum gelungen bezeichnen. 

Ich habe – bisher – nachgekocht: Aromatischer Couscous – wunderbar, aromatisch eben. Dazu gab’s Rote Bete mit Meerrettich-Joghurt – davon kann man gar nicht genug bekommen. Dasselbe gilt für die Fruchtigen Karotten mit Sesam. Alles schnell und unkompliziert zuzubereiten. Weitere Rezepte warten darauf, von mir erprobt zu werden: Hummus aus Linsen, Grüne Bohnen mit Schafskäse und Tomaten oder eine feine Fischsuppe… 

Das Buch beinhaltet unter anderem Rezepte für Frühstück, Hauptmahlzeit, Abendessen, Süssspeisen sowie Chutneys. Weiters Tipps, zum Beispiel über die Herstellung von Ghee (geklärter Butter), die im Handel erhältlich ist, aber einfach und um einiges günstiger selbst zuzubereiten ist. 

Titel: Ayurveda Küche für jeden Tag, Ayurveda goes West: 110 einfache Rezepte, kartoniert, 144 Seiten

Autorin: Dr. Barbara Wirth 

Verlag: Trias-Verlag 2018, http://www.trias-verlag.de

ISBN 978-3-432-105-482, Fr. 23.00/Euro 19.99

Kurzbeschrieb/-bewertung: Ayurveda-Küche für Menschen, die sich erst kurz mit der Ayurveda-Philosophie auseinandersetzen oder sich einen einfacheren Einstieg vorstellen. Wunderbare, aromatische und leicht umzusetzende Rezepte mit viel Gemüse und auch etwas für Fleischesser. Mit Zutaten, die in Europa leicht zu bekommen sind und gerne eingesetzt werden. Kurzum: ein Kochbuch, das einem Indiens Aromen, Gesundheitstipps und Farben im Nu auf den Teller bringt.

Für wen: Ayurveda für alle. Noch selten war gesund kochen und essen so sinnlich und bunt. 

Wieviel ist eine Frau wert?

Man hört es immer wieder: Das Leben von Frauen in der indischen Gesellschaft ist alles andere als Zuckerschlecken. Das Land macht öfters Schlagzeilen, wenn es um sie Stellung der Frau geht. Mal geht es um Abtreibung weiblicher Föten, dann wieder um Vergewaltigung oder die Stellung junger Ehefrauen im Haushalt der Schwiegereltern. Es geht um ruinöse Mitgiften, um Organ- oder Mädchenhandel oder um Witwen, die von ihren Familien verstossen werden. 

An der Situation der Frauen in Indien scheint sich kaum etwas zu ändern. Zu tief wurzeln althergebrachte Vorstellungen, die einer Frau nicht mehr als den Wert einer Dienstmagd und Gebärerin von Jungen einräumen. Zwar wird hie und da ein Prozess gegen Vergewaltiger geführt, und das Land bemüht sich um Gesetze, die Abhilfe schaffen sollen. Doch was ändert das, wenn sich in den Köpfen und Herzen der Menschen (Männer) nichts bewegt und vor allem, wenn drückende Armut und Elend das Leben vieler bestimmen?

Hier setzt auch der Roman „Mädchen brennen heller“ von Shobha Rao an. Die Autorin stammt selbst aus Indien, wanderte aber als Kind nach Amerika aus. In ihrer Arbeit als Rechtsänwältin ist sie zahlreichen Opfern häuslicher Gewalt begegnet. Die Geschichten, die sie in ihrer Arbeit gehört hat, dürften Wesentliches zu ihrem Roman beigetragen haben.

Die Geschichte  führt uns in ein indisches Armutsquartier. Purnima und Savita sind zwei Mädchen, die schon in jungen Jahren mit der harten Realität konfrontiert werden. Purnimas Mutter ist gestorben. Sie übernimmt die gesamte Hausarbeit und arbeitet am Spinnrad mit. Savita webt zusammen mit Purnimas Vater Saris. Die beiden Mädchen freunden sich an und wagen es, von einem besseren Leben zu träumen. Doch dann wird Savita vergewaltigt und flieht vor einer Zwangsheirat mit ihrem Vergewaltiger. Purnima ihrerseits muss einen Fremden heiraten. Doch ihr ist damit kein Glück beschieden.

Die Autorin greift in ihrem bewegenden Roman die meisten der oben erwähnten Missachtungen und Gewaltakte auf, denen Frauen in der indischen Gesellschaft ausgesetzt sind. Nichts, was die beiden jungen Frauen wagen, scheint unter einem glücklichen Stern zu stehen. Trotz allem, was ihnen widerfährt, halten sich Savita und Purnima aufrecht. Purnima will ihre Freundin um jeden Preis wiederfinden. Dieser Entschluss wird sie einiges von ihrer Selbstachtung und übermenschliche Energie kosten.

Titel: Mädchen brennen heller, gebunden, 384 Seiten

Autorin: Shobha Rao, aus dem Amerikanischen von Sabine Wolf 

Verlag: Elster Zürich 2019, http://www.elstersalis.com

ISBN 978-3-906903-12-5, Fr. 32.00/Euro 24.00, 

Kurzbeschrieb/-bewertung: Hierzulande haben Frauen gerade ein politisches Hoch – andernorts geht es ums schiere Überleben in frauenverachtender Umwelt. Zum Beispiel Indien, wo die Terrorisierung von Frauen grausamste Formen kennt. Zwei junge indische Frauen kämpfen sich durch. Bewegend, erschütternd, leidenschaftlich, mitreissend, ungeschminkt und klar geschrieben.

Für wen: Für alle, die finden, Frauen als menschliche Wesen und ihre Leistungen hätten überall Anerkennung verdient.

Denn das Allgäu liegt so nah

Von allen Lokalkrimi-Matadoren hat es mir der Allgäuer Fellpantoffelheld Kluftinger ganz besonders angetan. Der in Kempten arbeitende Kommissar fühlt sich eigentlich am wohlsten in seinem Heim, bei seiner Erika und beim „Butzele“, dem Baby von Sohn Markus und Schwiegertochter Yumiko. Kluftinger redet wie ihm der Schnabel gewachsen ist, flucht selbst in der Kirche, ist manchmal halsstarrig, gibt niemals einen Fehler zu, pflegt seine Vorurteile und führt seine Ermittlertruppe mehr schlecht als recht. Manchmal aber klopft er auf den Tisch. Das braucht es auch, denn die Mitglieder von Kluftingers Truppe geraten sich nur allzu gerne in die Haare. Kurzum: Die beiden Krimiautoren Klüpfel und Kobr haben ein Setting geschaffen, in dem es zu- und hergeht grad wie im richtigen Leben, mit schrulligen, liebenswerten Typen, wie es sie nicht nur im Allgäu gibt. 

„Kluftinger“ heisst der zehnte Fall des Autorenduos. In diesem Krimi geht es um den Kommissar persönlich. An Allerheiligen taucht auf dem Altusrieder Friedhof ein Kreuz auf, auf dem in wohlgeformten Lettern der Name Adalbert Ignatius Kluftinger steht. Dabei stolziert ebendieser Adalbert Ignatius Kluftinger gerade mit stolzgeschwellter Brust mit seinem Grosskind zwischen den Gräbern herum. Als dann in der Zeitung auch noch eine Todesanzeige für Kluftinger erscheint, ist es klar: Hier handelt es nicht um einen dummen Scherz. Der Kommissar schwebt in Lebensgefahr. Kluftinger muss sich überlegen, wer ihm an den Kragen will. Dabei muss er sich auch mit seiner Vergangenheit auseinandersetzen. Auch mit Geschichten aus seiner Jugend, als er sich noch mit einer Mofa-Clique die Langeweile vertrieb. Geschichten, an die er lieber nie mehr gedacht hätte. 

Autoren: Volker Klüpfel/Michael Kobr

Verlag: Ullstein, 2019, ullstein-buchverlage.de

ISBN 978-3-548-06032-3, Fr. 14.90/Euro 12.00, Taschenbuchausgabe

Kurzbeschrieb/-bewertung: Humorvoll und spannend, mit einem Einblick in menschlichen Eigensinn allgäuischer Ausprägung. 

Für wen: Ich wüsste niemanden, dem solche Krimis kein Vergnügen bereiten.

Die Bretagne ruft

Kommissar Georges Dupin ermittelt wieder. Nachdem er in seinem siebten Fall in den sagenumwobenen Wäldern von Brocéliande unterwegs war, muss er diesmal in seinem Wohnort Concarneau den Tod von Doktor Chaboseau untersuchen. Dass es sich um Mord handelt wird sofort klar. Wenige Stunden später folgt eine Explosion in einer Werft, bei der vier Arbeiter verletzt werden. Hängen die beiden Fälle zusammen? 

Die Frau des zu Tode gekommenen Arztes hüllt sich in vornehmes Schweigen. Auch dessen Freunde, ein Apotheker und ein Weinhändler, scheinen keine Ahnung zu haben, wer hinter dem Mord und der Explosion stecken könnte. Dupin und seine Leute tappen lange im Dunkeln und tragen mühselig Fakten zusammen. Verwirrenderweise scheint auch ein alter Kriminalroman von Simenon in die Angelegenheit hineinzuspielen. 

Der Fall lässt Dupin in ganz Concarneau herumeilen. Logisch, dass er dabei kaum an seinem Schreibtisch im Kommissariat anzutreffen ist und auch um die auf Besuch weilenden Eltern von Claire kann er sich – leider, leider – nicht kümmern. Dafür kommt er an seinen Lieblingsplätzen und -restaurants und bei seinen bretonischen Freunden vorbei. Selbstverständlich finden Dupin und sein um zwei Polizistinnen erweitertes Team heraus, wie die Dinge zusammenhängen. Mir aber schienen am Ende die Motive, die zu Mord und Anschlag führten, doch etwas dürftig.

Ganz offensichtlich ist Jean-Luc Bannalec, der Autor der Dupin-Romane, der Bretagne liebevoll verbunden. Seine Krimis transportieren immer eine Ladung atlantischer Meeresbrise. Sie wecken unbestreitbar die Lust, die Bretagne selber zu besuchen und etwas von dem zu finden, was Kommissar Dupin so umwerfend an der Gegend findet.

Da das mit dem Hinreisen gerade nicht geht, suche ich – nicht zum ersten Mal – ein paar Bilder im Internet. Und bin ernüchtert. Selbst die prächtigsten Fotos vom concarnesischen Fort oder den Stränden können einen Strandspaziergang mit Möwengeschrei und den Klang von Takelagen im Wind nicht ersetzen. 

Beim Lesen des neuen Dupin-Krimis stieg in mir des öfteren der Verdacht hoch, der Autor müsse im Dienste der Tourismusbüros der Region stehen. Auf mich wirken beispielsweise die Lokal-Beschreibungen von Kommissar Dupin allzu sehr um das touristische Ansehen der Region bemüht. Auch erinnert mich der Ermittler Dupin sehr an Commissario Brunetti aus Venedig. Beispiele gefällig?: In der Kommissariatssekretärin Nolwenn (vergleiche Signorina Elettra) hat Dupin eine Alleskönnerin im Hintergrund; sein Vorgesetzter ist eine Nervensäge (vergleiche Patta); seine Gefährtin Claire scheint mir über die Massen verständnisvoll (vergl. Signora Brunetti). Und Dupin ist wie sein italienischer Kollege ein Gourmand. In allen Restaurants, die er besucht, kennt er die Wirtsleute mit Namen, ist mit ihren befreundet, und selbstverständlich ist die Küche über die Massen gut. Selbst wenn Dupin nach Mitternacht noch ein Fischmenu bestellt, wird dieses vom Wirt ohne Umschweife zubereitet. 

Hol’s der Teufel, sowas kaufe ich keinem ab. Um die Uhrzeit darf in Frankreich wahrscheinlich kein Koch mehr in der Küche stehen. Wenn doch, würde das wohl gleich die Gewerkschaft auf den Plan rufen. Ausserdem: Welcher gute Koch hat nach Mitternacht noch frischen Fisch im Kühlschrank? Aber lassen wir das dahingestellt. In der Bretagne mögen die Uhren anders laufen, mögen die Fische auch mitternachts fangfrisch sein, und die Köche dürfen in Concarneau meinetwegen kochen, wann sie wollen. Aber wehe, wenn ich mal dort sein werde, um Mitternacht Hunger bekomme, und mir keiner hoppladihopp ein Fischchen mit Kartöffelchen der Spitzenklasse zubereitet! Dann Adieu Monsieur le Commissaire!

Titel: Bretonisches Vermächtnis, Kommissar Dupins achter Fall, 311 Seiten, mit Karten der Umgebung, Paperback

Autorin: Jean-Luc Bannalec

Verlag: Kiepenheuer&Wietsch, 2019, http://www.kiwi-verlag.de

ISBN 978-3-462-05265-7, Fr. 23.95/Euro 16.00

Kurzbeschrieb/-bewertung: Viel Bretagne, zwei Morde, eine Explosion, recht viel Restaurantkunde, Seeluft und Fischduft sowie etwas bretonische Geschichte. Sicherlich nicht der beste Dupin-Krimi.

Für wen: Lokolkolorit-Krimi-LiebhaberInnen