Regina Flint pirscht auf Indianer- und Bürgerkriegspfaden

Krimiautorin Petra Ivanov schickt in ihrem soeben erschienenen Werk ihre beiden Ermittler Staatsanwältin Regina Flint und Bruno Cavalli in den Süden der Vereinigten Staaten von Amerika. Zwei Rätsel sind zu lösen: Im Reservat der Cherokees treibt ein Blasrohrmörder sein Unwesen. In Zürich wurde ein Mann erschossen, ein Nachfahre von Amerikaschweizer Henry Wirz, der im Sezessionskrieg eine Rolle spielte. Nach und nach erhärtet sich der Verdacht, dass das eine mit dem anderen in Verbindung steht. Doch wie? Seriöse Detektivarbeit und eine Menge Indianerinstinkt sind hier gefragt.

Ivanovs Krimi spielt vor allem in der ersten Buchhälfte auf zwei Zeitebenen: im Heute und zu Zeiten des amerikanischen Bürgerkrieges. Anhand von einzelnen Personen tauchen wir in die damalige Situation ein. Und beginnen zu erahnen, weshalb der Bürgerkrieg das Land und seine Menschen bis heute umtreibt. Ivanov gelingt es, die unterschiedlichen Sichtweisen von Nord und Süd, die sich bis heute auswirken, darzustellen. Mit einem Urteil darüber hält sie sich wohlweislich zurück. Spannend für Schweizer Leser ist es allerdings, dass auch Menschen aus unserem Land am Krieg teilgenommen haben, einer davon wurde sogar nach Kriegsende wegen menschenverachtender Grausamkeit hingerichtet. Ob er ein Bauernopfer war oder das Urteil zu Recht erfolgte, dürfte wohl nie geklärt werden.

Ich habe grosse Hochachtung vor Ivanovs seröser und intensiver Recherchierarbeit. Auch weiss sie den Spannungsbogen durchs ganze Buch hindurch zu halten. Etwas Mühe habe ich, bei dem vielen Personal, das diesen Krimi bevölkert, die Übersicht zu behalten. Da sind nicht nur die Schweizer Ermittler und ihre recht komplizierten Beziehungen zueinander. In Alte Feinde haben wir es zusätzlich mit Bürgerkriegsteilnehmern sowie ihren Nachfahren zu tun, dann aber auch mit einer Horde von FBI-Leuten, Cherokee-Indianern und obendrein mit Gangstern, welche bereits in früheren Ivanov-Krimis aufgetaucht sein dürften. Wer diese allerdings nicht gelesen hat, wäre froh um eine übersichtliche Auflistung vorne im Buch.

 

Titel: Alte Feinde, Kriminalroman gebunden, 375 Seiten

Autorin: Petra Ivanov

Verlag: Unionsverlag, Zürich 2018, http://www.unionsverlag.com

ISBN 978-3-293-00537-2, Fr. 35–/Euro 26.

Kurzbewertung: Staatsanwältin Regina Flint hat einen Fall zu lösen, der mysteriöserweise etwas im dem amerikanischen Bürgerkrieg (1861-1865) zu tun hat. Sie reist nach North Carolina, wo vor kurzer Zeit ihr Partner Cavalli untergetaucht ist. Hängen sein Fall und ihrer irgendwie zusammen? Spannend geschrieben mit interessanten Abstechern in die amerikanische Geschichte, in der auch Schweizer eine Rolle spielten.

Für wen: Amerikafans, die sich auch etwas für die Geschichte des Landes interessieren.

 

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Erlebnisurlaub: Wie wär’s mit einer Einbruchstour in Australien?

 

Sommerzeit ist Urlaubszeit und deshalb genau richtig, um spannende Literatur auf dem Liegestuhl zu geniessen. Garry Disher nimmt uns mit seinem Krimi Leiser Tod nach Australien mit, genauer gesagt in den Südosten des Landes, in den Bundesstaat Victoria.

Von der ersten Seite an nimmt Garry Dishers Story Fahrt auf. Wir begleiten die drogen- und spielsüchtige, stets vorausschauende Grace kreuz und quer durchs Land auf ihren Raubzügen, und wenn wir bis jetzt nicht gewusst haben, worauf ein Einbrecher so alles achten muss, wenn er nicht erwischt werden möchte: Spätestens auf Seite 20 haben wir einen Grundkurs absolviert. Rein literarisch versteht sich. (Möglicherweise überlegen wir aber in unserem Liegestuhl auch, inwieweit wir unser Hab und Gut zu Hause vor Einbrechern geschützt haben.)

Der Autor, der selber in Südaustralien aufwuchs, reichert seine Geschichte mit vielschichtigem Personal an. Da ist beispielsweise Pam Murphy, die vermeintlich taffe Polizistin mit dem rustikalen Humor und einem angespannten Verhältnis zu den Eltern; oder ihr Kollege Scobie Sutton, der bei der Schulaufführung seiner Tochter zur väterlichen Hochform aufläuft, im Polizeidienst aber eher schwerfällig wirkt. Kommissar Hal Challis selber leitet seine Leute mit Umsicht, zwischendurch schluckt er jedoch manchen Seufzer hinunter. Zu allem Elend befindet sich seine Gefährtin Ellen auf Weiterbildung, Ellens Tochter reagiert auf Hal gereizt, Hals Auto macht die letzten Huster, und die ständigen Überstunden nagen an seiner Widerstandskraft.

Wenn ich das Bundesland Victoria google, erhalte ich jede Menge Bilder von spektakulären Küstenabschnitten, Stränden und der Skyline von Melbourne. Garry Disher vermittelt in seinem Krimi ein völlig anderes Bild: Ansiedlungen, irgendwo im Nirgendwo; eine zersiedelte Landschaft, die alle hundert Meter zwischen gepflegt und total vernachlässigt wechselt; Kleinstädte, die nicht so recht wissen, ob sie schon zum Einzugsgebiet von Melbourne gehören oder doch lieber malerisch-klein und liebenswert bleiben möchten. Hinter den mal pompösen, mal abblätternden Fassaden leben Individuen aller Art, von hinterhältig-gemeingefährlich, neureich-gleichgültig bis unbescholten-naiv. Da das Bundesland Victoria die höchste Bevölkerungsdichte aller australischen Bundesstaaten aufweist, wirkt das von Disher gezeichnete Bild auf jeden Fall glaubhafter als die oben geschilderte Google-Postkartenidylle. Und er entwirft plausible Charaktere, die man trotz ihrer offensichtlichen Mängel von Herzen mag – oder auch verabscheuen kann.

 

Titel: Leiser Tod, Kriminalroman gebunden

Autorin: Garry Disher, aus dem Englischen von Peter Torberg

Verlag: Unionsverlag, Zürich 2018, www.unionsverlag.com

ISBN 978-3-293-00528-0, Euro 22.–/ Fr. 30.–

Kurzbewertung: Im australischen Bundesstaaat Victoria kreuzen sich mehr oder weniger zufällig die Wege einer raffinierten Einbrecherlady, eines korrupten Ex-Polizisten, eines Bankräubers, eines Vergewaltigers, eines Kunstfälscherpaars und eines Hehlers. Kriminalkommissar Hal Challis und sein Team haben keine ruhige Minute. All die bösen Buben und Mädchen müssen ermittelt, gefunden und festgesetzt werden. Doch die Mittel der Polizei sind begrenzt. Hal Challis beklagt sich darüber bei der Presse. Seine Vorgesetzten sind mehr als verärgert. Temporeich, spannend mit reizvollen Abstechern in die Gegend und in die Handlungsmotivation und Lebenswelten der Protagonisten.

Für wen: Wer Krimis mag, wird diesen ohne Zweifel lieben. Eine Fünf-Sterne-Empfehlung von mir!

Mordsgeschichten: eine wirkliche, eine die wirklich sein könnte und eine ganz und gar unwirkliche 

Schweizweit existieren zahlreiche kleine Verlage mit unterschiedlichen Programmen – mehrere davon produzieren auch Krimis. Dies hat nicht zuletzt wirtschaftliche Gründe. Krimis verkaufen sich gut, die Nachfrage scheint ungebrochen. Außerdem mögen wir Leser lokal angesiedelte Storys mit Wiedererkennungswert. Dabei darf die fiktive Mordlust durchaus in die heimatliche heile Welt einbrechen.

Heute möchte ich drei solcher Krimis vorstellen: der erste greift einen wahren Mord aus dem Jahr 1820 auf; beim zweiten schreibt die Autorin verschmitzt so, als wäre ihr die Story selber passiert; der dritte ist ein Thriller, der sich nicht zwischen Wirklichkeit und Traum entscheiden mag. Die beiden ersten Geschichten spielen in der Schweiz, der letztere in Kairo.

 

Im Schatten der Linde

Es ist ein prächtiger Maitag im Jahre 1820. Christina Aeby, die schöne Stine aus Rechthalten (Sensebezirk, Kanton Freiburg), ist zusammen mit ihrem Liebsten auf dem Weg nach Freiburg, wo ein großer Markt stattfindet. Es scheint ein ländliches Idyll, durch das die beiden wandern. Doch der Tag endet nicht so romantisch, wie er begonnen hat: Am nächsten Morgen läuft die böse Kunde durchs Dorf: Christina Aeby wurde brutal zu Tode geprügelt. Die Menschen reagieren geschockt und verbockt; verdächtig oder gefährdet ist jeder, so lange der Täter frei herumläuft.

Die Geschichte dieses Romans unter dem Titel Im Schatten der Linde fusst auf einer wahren Begebenheit, die sogar Einzug ins Volksliedgut nahm. Autor David Bielmann hat die Urkunden gesichtet, die Aussagen der Befragten unter die Lupe genommen und sich die Menschen dahinter ausgemalt. So entstand eine Gemeinschaft aus Verdächtigen, Eltern, Nachbarn, Durchreisenden. Mitten drin stehen und gehen die beiden Dorfpolizisten Rotzetter und Dousse. Besonders an Herz wächst einem Landjäger Rotzetter, der lieber mal das Gesetz an die Menschen anpasst als umgekehrt. Er sieht sich weniger als Gesetzes- denn als Menschenhüter. Mit der Suche nach dem Mörder tut er sich schwer.

David Bielmann ist ein begnadeter Erzähler. Sein Roman glänzt mit feinem Humor,  viel Menschlichkeit, bildhafter Sprache, gepaart mit solider Forschungsarbeit und Details über das harte ländliche und politische Leben dazumal. Am Ende steht die Frage, ob der Mann, der die Tat gestand und derenthalben hingerichtet wurde, auch wirklich der Mörder war.

Titel: Im Schatten der Linde, Die Ermordung der Christina Aeby, Roman, gebunden, 191 Seiten

Autor: David Bielmann

Verlag: Zytglogge, 2018, CHF/EUR 32.-, www.zytglogge.ch,

ISBN: 978-3-7296-0981-5

Kurzbewertung: Sorgfältig erarbeitet, mit Zitaten aus den Untersuchungsberichten, und wunderbar erzählt, die Ermordung der Christina Aeby, einer 21jährigen Frau aus Rechthalten. Die Suche nach ihrem Mörder zeigt präzise die Fragilität des dörflichen Zusammenhaltes. Einer muss für die Tat büssen. Ghaue oder gstoche! Angereichert mit geschichtlichen Details.

Für wen: Für alle, die wahre, neu interpretierte Geschichten aus längst vergangener Zeit mehr mögen als die heutige Sensationspresse.

 

Und Harry?

„Seien Sie ehrlich: Wenn ich beginne mit ‚Mein Vater starb, als ich sieben Jahre alt war‘, werden Sie die Augen verdrehen und  denken, ach schon wieder eine, die ihre Kindheit auf uns abwälzen will…“  so beginnt Alexandra Lavizzari ihren Roman Und Harry?, den man durchaus in der Abteilung Krimi hätte unterbringen können. (Oder müsste ich schreiben: der die Abteilung Krimi, so originell und gelungen wie er ist, bereichern würde.) Denn da ist alles, was einen Krimi ausmacht: ein Toter, der eines Tages erschossen in einem Tessiner Garten liegt; ein Mädchen, das seinen Vater so vorfindet; ein grässlicher Nachbar, dem man einiges zutrauen würde; eine Ehefrau, die sich von ihrem Gatten entfremdet hat. Doch die Polizei findet den Mörder nicht. Das Kind wächst unter grossem Leidensdruck zur Frau heran. Die Zeit heilt ihr Trauma nicht. Irgendwann findet sie ein Foto, auf dem ihr Vater und ein gewisser Harry abgelichtet sind. Doch wer ist Harry? Die Suche nach des Rätsels Lösung beginnt. Natürlich ist am Ende alles anders, als wir Leser es erwarten würden – aber genau so, wie wir es von einem Krimi erhoffen.

Zwischen erstem und letztem Satz mäandert die Autorin (die Ich-Erzählerin im Roman ist gleichfalls Autorin) durch das Leben der verkorksten jungen Frau, fabuliert, fabriziert Abschweifungen, falsche Abkürzungen, plaudert und lenkt ab, dass es ein Spass ist. Ein Buch, das einen mitreisst (auch weil die Autorin ihre Leser direkt ins Buch hineinnimmt, indem sie sie an ihren schriftstellerischen Überlegungen teilhaben lässt) und das man nicht gerne für Zwischenstopps beiseite legt.

Titel: Und Harry?, Roman, gebunden, 233 Seiten

Autorin: Alexandra Lavizzari

Verlag: Zytglogge, 2017, CHF/EUR 29.-, www.zytglogge.ch

ISBN: 978-3-7296-0966-2

Kurzbewertung: In einem Tessiner Bergdorf wird 1960 der Vater eines siebenjährigen Mädchens erschossen. Der Mörder wird nicht gefasst, doch das Ereignis bestimmt das ganze weitere Leben des Mädchens. Ein aussergewöhnlicher Krimi mit überraschenden Twists. Herrlich humorvoll geschrieben.

Für wen: Nicht nur für Krimifans zu empfehlen. Nehmen Sie sich einen freien Nachmittag und legen Sie sich in die Hängematte damit. Wenn Sie keine Hängematte haben, tut es auch das Sofa.

 

Blauer Elefant

Ehrlich gesagt: Der Blaue Elefant, ein Thriller des ägyptischen Autors Ahmed Mourad, hat es mir nicht einfach gemacht. Gleich auf der ersten Seite vergleicht Jachja, die Hauptfigur der Geschichte, seine Geliebte mit einer in seinem Bett parkenden Harley Davidson. Da fragt sich die lesende Frau gleich, wo sie hingeraten ist: In einen Hollywoodfilm aus den Fünfzigern mit einem machohaften Detektiv, der cool sein wollende Sprüche klopft und auf dem Schreibtisch eine Whiskyflasche stehen hat?

Der Gedanke entpuppt sich als gar nicht mal so falsch: Der Autor des Buchs, Ahmed Mourad, hat Erfahrungen im Filmemachen und Verfassen von Drehbüchern gemacht, bevor er sich dem Schreiben von Thrillern zuwandte. Mit diesem Wissen fällt es leichter, die aufgesetzt ironische Sprache von Jachja hinzunehmen, obwohl sie nicht so richtig zu seiner Rolle passen will, denn immerhin ist Jachja als junger Arzt und Hoffnungsträger in einer forensischen Psychiatrie angestellt. Als solchen stellt man sich einen intelligenten, modernen, ernsthaften Menschen vor. Mourads Figur unterläuft aber von Anfang an alle Erwartungen: Jachja kippt massenhaft Alkohol in sich rein (ja, auch gerne Whisky), er raucht ohne Unterlass, prügelt sich mit einem Kollegen und sieht keinen Sinn in seiner Arbeit und im Leben insgesamt. Die restliche Zeit liegt er besinnungslos auf dem Boden oder dem Sofa. Seine flapsige Sprache passt eher zu einem Sechzehnjährigen als zu einem gestandenen Mann und ist obendrein mit völlig überzogenen Bildern angereichert. Da hat er beispielsweise „glühende Kohlen im Kopf, die Lava zwischen die Augen goss“. Kurz: Es fällt schwer, den Kerl zu mögen.

Nun wäre es eigentlich Aufgabe des Autors, uns Lesern zumindest die Hauptfigur eines Romans verständlich zu machen; es ist uns wichtig zu begreifen, weshalb sie so agiert und nicht anders. Ahmed Mourad lässt sich damit aber jede Menge Zeit. Vielleicht zuviel?

Doch, habe ich mir gedacht, ich wolle mal nicht so kleinlich sein, mich erwarte schliesslich ägyptisches Lebensgefühl, ein Blick in eine orientalisch angehauchte Welt, Ferienland (oder Staat im Umbruch), bunt, würzig, fremd. Irrtum: Schauplatz ist eine psychiatrische Klinik, wie sie in ihrer Nüchternheit irgendwo in Europa stehen könnte. Jachja arbeitet in jener Abteilung, die den Häftlingen vorbehalten ist, die auf ihren geistigen Zustand untersucht werden. Einer der Häftlinge ist ein Jugendfreund von Jachja. Er hat allem Anschein nach seine Frau ermordet. Stellen die Ärzte seine geistige Gesundheit zum Zeitpunkt des Mordes fest, droht ihm der Galgen. (Galgen!? Gibt es den tatsächlich in Ägypten noch? Aber ja, willkommen im Orient.)

Mehr von der Geschichte möchte ich hier nicht verraten. Doch ich versichere: Es wird noch orientalisch genug. Spannend und magisch. Alptraumartig tauchen Dschinns auf, Elefanten, Esel und verführerische Frauen, schwarze Hunde fletschen ihre Zähne, Bäume wachsen durch die Decke: Jachja benötigt einige Anläufe und ziemlich viele Drogen, dem Horror Einhalt zu gebieten. Dabei muss er sich die Frage stellen, wie es mit einer eigenen geistigen Gesundheit bestellt ist. Doch bis er die Antwort auf die Frage findet, irrlichtert es in Jachjas Kopf gewaltig zwischen nüchterner Analyse und surrealem Bildansturm.

Übrigens: So unsympathisch war mir am Ende des Buches die Hauptfigur Jachja dann doch nicht mehr, denn wie er stelle ich mir ab und an die Frage, was in dieser Welt realer Schrecken ist und was schreckliche Imagination.

Titel: Blauer Elefant, Thriller, gebunden, 415 Seiten

Autor: Ahmed Mourad, aus dem Arabischen von Christine Battermann

Verlag: Lenos, Basel, 2018, CHF 29.80/EUR 22.-, www.lenos.ch

Kurzbewertung: Dieser ägyptische Thriller liefert jede Menge unwirkliche Schaudereffekte und Gruselmomente. Er spielt in einer Abteilung einer psychiatrischen Klinik, wo gefährliche Häftlinge auf ihren Geisteszustand abgeklärt werden. Jachja, ein junger Arzt, der im Leben nichts so richtig auf die Reihe bekommt, arbeitet hier. Er zweifelt bald selber an seinem Geisteszustand.

 

Für wen: Für jene, für die Realität nur eine Sequenz in einem Traum ist.

 

 

 

 

Ran ans Buch, raus in die Welt

Wo war ich nicht schon überall dank Büchern: in Kamtschatka, einmal quer durch die Arktis mit Fridtjof Nansen und im Gegenzug in der Antarktis mit Ronald Amundsen, mit dem Nachtzug in Lissabon, mehrmals in Istanbul, Paris, New York, in China, Iran, Marokko. Die Liste liesse sich beliebig fortsetzen.

Was habe ich nicht alles durch Bücher gelernt. Wie das war in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs, bei Stalingrad im Zweiten Weltkrieg, wie es sich lebt als Frau unter Schleiern, als Kind im Slum, als Sklave im Amerika des 19. Jahrhunderts. Kürzlich habe ich gar ein wundersames Tier kennengelernt, das einem Traum entsprungen scheint, aber dennoch existiert: das Okapi (lies: „Was man von hier aus sehen kann“ von Mariana Leky).

Ich habe Bücher gelesen, bei denen jede Seite ein Genuss war mit Geschichten, die mich mitnahmen, fesselten, beschäftigten, aber auch solche, die ich schnell wieder vergessen habe. Selten jedoch, so selten, dass ich es an einer Hand abzählen kann, habe ich ein Buch ungelesen zur Seite gelegt. Dem geschriebenen, gedruckten Wort gilt mein Respekt, der Autorin, dem Autor, die ihre Gedanken, Erfahrungen, Geschichten und Phantasiewelten einer Öffentlichkeit preisgeben.

Hier auf diesem Blog nun möchte ich meine Leseerfahrungen teilen. Denn da ist noch eine Buch-Erfahrung, die ich gemacht habe: durch das Gespräch über Bücher lernt man Menschen kennen. Spannende, offene, diskussionsfreudige Zeitgenossen. Zum Beispiel dich?

Ich bin ein Querbeetleser. Ob Roman, Krimi, Poesie, Biographie ist mir egal. Hauptsache der Autor oder die Autorin lässt mich mitreisen in seine Welt.

Am Anfang war der Thriller

Beginnen möchte ich diesen Blog mit vier Veröffentlichungen, die dem Genre Thriller zugeordnet werden können. Man soll sich seinen Ängsten und „Problemzonen“ stellen. Und deshalb hier mein Eingeständnis: Thriller gehören nicht zu meiner Lieblingslektüre. Doch braucht es heutzutage schon einiges, Thrillern und Krimis in der Buchhandlung auszuweichen. Sie nehmen mittlerweile einen schönen Teil der Auslage ein. Man darf sich als Leser deshalb schon einmal mit dieser Art Lektüre auseindersetzen.

Ich gehe davon aus, dass das Leseverhalten etwas über die Gesellschaft aussagt. So ganz bin ich noch nicht dahinter gekommen, was die Menschen in unseren Breitengraden zum Lesen von Thrillern anregt: ein allzu gesicherter, abenteuerfreier Alltag, Sensationslüsternheit oder gar die Befriedigung einer in uns angelegten archaischen Blutgier? Soziologen wüssten zu diesem Thema sicherlich einiges zu sagen.

Doch ich will hier Bücher vorstellen, keine ungesicherten Theorien.

Warnung: Albträume vorprogrammiert!

Was sucht der Leser, wenn er sich einen Thriller zu Gemüte führt? Die Antwort scheint zuerst mal einfach: den Nervenkitzel. Oder wie es Guillaume Musso in Das Mädchen aus Brooklyn schreibt: „Die Erwachsenen lieben es, mit der Angst zu spielen.“ Doch suchen diese Erwachsenen dies in möglichst grausamen Morden, die ihnen nach dem Lesegenuss das Einschlafen erschweren und wochenlange Alpträume bescheren? Ich wage dies zu bezweifeln. Man möchte meinen, „gewöhnliche“ Morde seien an sich brutal und abschreckend genug. Dennoch ist festzustellen, wie selbst bekannte und erfahrene Thrillerautoren ihrer Phantasie ungebremsten Lauf lassen, wenn es ums Beschreiben von Morden geht. Sie konfrontieren ihre Leserschaft mit einer Bestialität, die kaum übertroffen werden kann. In dieser Hinsicht muss vor zwei Büchern gewarnt werden:

Mordsmässig nordisch
Da wäre einmal Yrsa Sigurdardótttir mit DNA. Der isländische Kommissar Huldar begibt sich auf die Suche nach dem Mörder zweier Frauen, die offenbar nichts miteinander gemein haben, aber auf unmenschlich grausame Weise ermordet wurden. Was der Leser weiß: Die Morde müssen im Zusammenhang stehen mit einer lange zurückliegenden Geschichte um drei Kinder, die nach dem Tode ihrer Mutter getrennt wurden. Sigurdardótttirs Stärken liegen im Miteinander und verhaltenen Gegeneinander der Akteure. Selbst wo sie sich näherzukommen scheinen, liegt stets untergründige Zurückhaltung, nordische Kühle in der Luft. Die Geschichte nimmt gegen Ende auch eine unerwartete Wende. Erzählerisch großartig, aber doch ein mordsmäßig grausames „Vergnügen“.

Buch: DNA, gebunden
Autor: Yrsa Sigurdardótttir
Verlag: btw, www.randomhouse/Verlag/btb
Kurzbewertung: spannend, mit vielen einfühlsamen Beschreibungen zwischenmenschlicher Nöte, wobei sich dem Leser die außergewöhnliche Brutalität des Mörders nicht wirklich erschließt.
Für wen: Für hartgesottene Fans von gut geschriebenen Thrillern.

Amerikanische Geisterbahn
Der deutsche Autor Jonas Winner widmet sich in seinem Roman Murder Park den Serienkillern und spielt mit dem 10-kleine-Negerlein-Motiv. Nur dass es zwölf Personen sind, die sich auf der der amerikanischen Küste vorgelagerten Insel Zodiac Island begegnen. Auf der Insel mottet ein in die Jahre gekommener Rummelplatz vor sich hin. Er soll bald wieder geöffnet werden. Geschlossen wurde er vor Jahren, als dort mehrere Frauen ermordet aufgefunden wurden. Man kann dem Autor zur Wahl dieser rostigen, knarrenden Kulisse nur gratulieren. Genügend Thrill ist damit gegeben. Allerdings ist das, was nach Ankunft der zwölf Gäste auf Zodiac Island erfolgt, ein Horror ohnegleichen. Einer nach dem anderen stirbt, beinahe im Halbstundentakt, auf barbarische Weise. Geht der alte Serientäter um, von dem alle sagen, dass er auf dem elektrischen Stuhl gestorben ist? Wie aufgescheuchte Hühner irren die noch übrig Gebliebenen über die Insel.
Jonas Winner geht in seinem Buch auch der Frage nach, was uns an Serienkillern fasziniert und inwieweit es erlaubt ist, aus Gewaltexzessen und der menschlichen Faszination daran Kapital zu schlagen. Für sich scheint der Autor diese Frage nicht beantwortet zu haben: Das Buch ist ein einziger Gewaltexzess und unter Garantie nichts für zarte Seelen.

Buch: Murder Park, Paperback
Autor: Jonas Winner
Verlag: Heyne, 2017, http://www.randomhouse.de/Heyne
Kurzbewertung: Thrill von der ersten bis zur letzten Seite, Brutalität ohne Ende, verursacht bei normalen Lesern Albträume.
Für wen: Keine Ahnung, wer sich freiwillig sowas zu Gemüte führen möchte.

Trau keinem
In Beckford, einem kleinen englischen Ort, landen immer mal wieder Frauen im Drowning Pool, einer gefährlichen Flussbiegung. Ihr Ertrinken ist stets begleitet von seltsamen Umständen: Die erste von ihnen, ein blutjunges Mädchen, wurde der Hexerei bezichtigt. Die Frauen, die nach ihr im Fluss ertranken, galten entweder als sexbesessen oder sonstwie lästig. Selbstmörderinnen, über die Geschichten im Dorf, wo jeder jeden kennt, erzählt werden. Als Julias Schwester, die selbstbewusste Nel Abbott, über die Klippen in den Fluss springt und zu Tode kommt, will Julia nicht an einen Selbstmord glauben, obwohl die beiden Schwestern seit Jahren nicht mehr miteinander gesprochen haben. Julia kehrt nach Beckford zurück – jenen Ort, der ihr Albdrücken verursacht und den sie nie wieder in ihrem Leben aufsuchen wollte.
Paula Hawkins schrieb ihren sogenannten Spannungsroman Into The Water, für den das Wort Thriller zu dick aufgetragen wäre, indem sie den elf in die Geschichte involvierten Personen eine Stimme gibt. Soviel ist bald klar: Die Bewohner Beckfords und die ermittelnden Beamten – zum Beispiel die verunsicherte Polizistin Erin, ihr ortskundiger Kollege Sean, die um sich beissende Louise oder Nickie, die Alte im Hexenkostüm – haben alle eine unterschiedliche Sichtweise auf das Geschehene. Trau keinem, auch nicht dir selbst, heisst denn auch der Untertitel des Buchs. Keiner in diesem Buch sagt die Wahrheit, höchstens eine Teilwahrheit, oder er sagt nur das, was er für die Wahrheit hält oder halten möchte. Nach und nach ergibt sich dennoch ein Bild, doch eines, das selbst am Ende noch verwischte Stellen aufweist, gerade als würde über dem Drowning Pool eine Nebelbank liegen.

Buch: Into the Water, Paperback
Autor: Paula Hawkins
Verlag: blanvalet, 2017, http://www.randomhouse.de/Blanvalet
Kurzbewertung: Etwas klischeehaft, was die Psychologie der Protagonisten und ihre Handlungsmotive, aber auch was die Schaffung von Spannungsmomenten anbelangt. Handlung leider etwas unübersichtlich, da es eine gute Weile dauert, bis man sich mit den verschiedenen Stimmen und Zeitebenen auskennt.
Für wen: alle, die verkorkste Frauen und ihre Geschichten mögen

Mit Baby Theo auf der Suche der verschwundenen Traumfrau
Raphaël, alleinerziehender Vater und Autor von Kriminalromanden, hat in der Ärztin Anna seine Traumfrau gefunden. Doch nach einem Streit ist nichts mehr wie es mal war.
Raphaël kennt seine zukünftige Frau nicht mehr, schlimmer noch, sie ist von der Bildfläche verschwunden. Zusammen mit seinem Freund Marc – und seinem kleinen Sohn Theo im Gepäck – macht sich Raphaël auf die Suche nach Anna. Die beiden fördern in Frankreich und schließlich in New York Überraschendes zutage.
Antibes, Paris, Elsass, Nancy, New York und quer durch ein paar amerikanische Bundesstaaten: Musso lässt seine Leser nicht ruhen, denn schließlich ist sein Held auf der Suche nach seiner entführten großen Liebe. Die Zeit drängt. Die fulminant geschriebene Reise dauert genau drei Tage und ist 480 Seiten lang. Wir begegnen einem machtgeilen Politiker und seinen brandgefährlichen Gefolgsleuten, einem Mädchenschänder, einer Schulleiterin mit Geheimnissen und ein paar Polizeikräften auf seltsamer Sondermission. Besonders lebhaft zeichnet Musso die verschiedenen Schauplätze. Das Buch aus der Hand zu legen fällt schwer, auch, oder gerade weil die Geschichte recht verworren ist und kaum etwas so ist, wie es auf den ersten Blick erscheint – und nach Beendigung der Lektüre bleibt das Gefühl, die letzte Zeile sei jetzt doch ein wenig gar rasch dagewesen.
Immerhin dürfte Baby Theo erleichtert sein über das Ende dieser Geschichte. Das arme Kind muss sich ja mit den verschiedensten Babysittern, einigem Herumgeschiebe, Spielen in staubigen Lagerräumen, sogar mit einem Langstreckenflug arrangieren, während sein Papa Raphaël auf der Suche nach Anna herumirrt. Dass das Baby dies klaglos, ja sogar heiter duldet, scheint weit von jeder Realität entfernt. Überhaupt wirkt dieses Alleinerziehender-Vater-Ding aufgesetzt und keineswegs lebensecht, ist aber immerhin ein netter, ungewöhnlicher Einfall des Autors.

Buch: Das Mädchen aus Brooklyn
Autor: Guillaume Musso
Verlag: Pendo, 2. Auflage, 2017, http://www.piper.de/Pendo
Kurzbewertung: Mitreißend von der ersten Seite bis zum Schluss, mit einigen unerwarteten Wendungen. Ein Psychopath, ein korrumpierter Politiker und sein Gefolge, ein Ex-Polizist, der neben der Spur liegt und das schwere Schicksal eines Mädchens, das seinem Peiniger entkommen ist, dazu eine herzerwärmende Liebesgeschichte: Was will man mehr.
Für wen: Für alle, die die ganz grosse Liebe mit Mord und Totschlag vereinen können.